Der Priming-Effekt und die besten Physik-Podcasts

Die Sicherheit, mit der viele Professoren etwas behaupten, hat mich immer verwundert: Seien es die einschüchternden Phrasen wie „Es ist evident, dass …“ oder „Der Rest ist trivial.“ oder seien es irgendwelche Rechnungen, Herleitungen und Beweise, die sie nicht vorrechnen, aber von ihrer Richtigkeit völlig überzeugt sind.

Dabei habe ich mich immer mit zwei Fragen beschäftigt:

Wie kann ich herausfinden, ob es stimmt? Und warum ist sich der Professor oder die Professorin so sicher?

sketch1511857295527 700x411

In diesem Blogartikel beschäftige ich mich mit der zweiten Frage.

Meine Antworten darauf haben mein Lernverhalten radikal verändert und ich hoffe, dass sie auch in deinem Studien- und realen Leben sehr nützlich sein werden.

Bei allem Respekt, aber warum ist also ausgerechnet ein Professor, der eigentlich sein Wissen ständig auf den Prüfstand stellen sollte, oft unkritisch gegenüber seinen Behauptungen? In anderen Worten: Woher kommt seine Sicherheit?

Ein Gedankenexperiment

Führen wir ein Gedankenexperiment durch und stellen wir uns einen arroganten Professor der theoretischen Physik vor.

„Professor Arrogantum, warum sind Sie sich so sicher bei ihren Behauptungen?“ – fragen wir ihn.

„Nun, ich beschäftige mich mit diesen Dingen mein ganzes Leben lang.
Also ist die Annahme, meine Behauptungen seien richtig, absolut gerechtfertigt.“ – so seine Antwort.

„Aber nur weil Sie sich ihr ganzes Leben lang mit diesen Dingen beschäftigen, bedeutet doch nicht, dass Sie immer richtig liegen. Die Wahrheit einer Aussage hat nichts mit der Dauer zu tun, mit welcher Sie sich mit dieser Aussage beschäftigten: Entweder ist sie wahr oder falsch. “ – wenden wir ein.

„Das ist absolut richtig. Wenn man jedoch eine Aussage zehn tausend Mal wiederholt hat, dann beginnt man an diese Aussage zu glauben. Das sollte man natürlich nicht. Aber es ist, wie es ist.“

Professor Arrogantum ist am Ende doch gar nicht so arrogant, sondern einfach ehrlich.

Die Antwort auf meine Frage liegt in diesem Satz: Wenn man jedoch eine Aussage zehn tausend Mal wiederholt hat, dann beginnt man an diese Aussage zu glauben.

Das ist meine Behauptung. Und ich wollte wissen, ob es zu dieser Behauptung wissenschaftliche Studien gibt.

Außerdem möchte ich nebenbei anmerken, in was für einer wunderbaren Zeit wir leben, wenn es um Recherche und Informationsbeschaffung geht: Zentimeter zwischen ein paar Klicks trennen mich vom Wissen, dass früher mehrere Kilometer entfernt war. Ich bin begeistert.

Der Priming-Effekt

Ich habe mich zu einem wunderbaren und höchst empfehlenswerten Buch durchgeklickt: Schnelles Denken, langsames Denken* von Daniel Kahneman (Original: Thinking, fast and slow.*)


q? encoding=UTF8&MarketPlace=DE&ASIN=3328100342&ServiceVersion=20070822&ID=AsinImage&WS=1&Format= SL250 &tag=physiphi 21ir?t=physiphi 21&l=am2&o=3&a=3328100342

Im Abschnitt „Illusionen der Wahrheit“ (Teil I, Kapitel 5 „Kognitive Leichtigkeit“,
S. 84) lese ich den folgenden Satz:

„Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt.“

Das ist es, was ich gesucht habe! Vertrautheit. OK, Kahneman, du hast mich heiß gemacht. Was hast du noch auf dem Lager?

Intelligenz, Kontrolle und Rationalität. Illusionen des Gedächtnisses. Wie man eine überzeugende Mitteilung schreibt. Die Freuden mühelosen Denkens.
Normalität beurteilen. Die Vorliebe, Aussagen zu glauben und eigene Erwartungen zu bestätigen. Und und und …

Ich fange allerdings mit dem Thema an, das meine Frage beantwortet: Woher kommt die Sicherheit?

Dank Kahneman kann ich diese Frage umformulieren: Woher kommt die Vertrautheit eines Professors?

Klare Antwort: Der Priming-Effekt.

Schon der schottische Philosoph David Hume hat im 18. Jahrhundert versucht, unser Assoziationsmechanismus zu erklären: Wie funktionieren die assoziativen Verbindungen und welche Einflüsse haben sie auf uns?

Zwei hundert Jahre später können Psychologen Veränderungen in der Leichtigkeit messen, mit der ähnliche Wörter ins Gedächtnis gerufen werden, wenn uns ein Wort dargeboten wird.

Ein Beispiel aus Schnelles Denken, langsames Denken:

„Wenn Sie vor Kurzem das Wort eat (»Essen«) gesehen oder gehört haben, werden Sie vorübergehend das Wortfragment so_p eher als soup (»Suppe«) denn als soap (»Seife«) vervollständigen. Das Umgekehrte wäre der Fall, wenn Sie gerade wash (»Waschen«) gesehen hätten. Wir nennen dies einen »Priming-Effekt (»Bahnungseffekt«) und sprechen davon, dass die Vorstellung »essen« die Vorstellung »Suppe« bahnt, während »waschen« die Vorstellung »Seife« bahnt.“
(S. 72)

Aber nicht nur das.

Bestimme Wörter können nicht nur andere Wörter primen, sondern können auch eine Handlung beeinflussen. Scientology? Nein. Dieses Phänomen bezeichnen Psychologen als ideomotorischer Effekt.

Und es geschieht unbewusst. Hören wir zum Beispiel Wörter, mit denen wir ein hohes Alter assoziieren, dann kann das unsere Gehgeschwindigkeit verlangsamen.

Woher kommt also die Vertrautheit eines Professors?

Sie ist eine Folge der kognitiven Leichtigkeit (= Alles ist super: Es gibt keinen Grund, besonders aufmerksam zu sein), die selbst laut Kahneman durch wiederholte Erfahrung, klare Darstellung, gute Laune oder geprimte Vorstellung verursacht wird (S. 82).

sketch1511856521104 700x411

Den Priming-Effekt nutzen

Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht vom Professor lernen können und den Priming-Prozess ausnutzen können, um den Lernprozess zu beschleunigen.

Und hier ist wie.

Ein Grund, warum wir in den ersten Semestern enorme Schwierigkeiten beim Lösen der Aufgaben haben, ist, dass wir keinen blassen Schimmer haben, wie wir sie überhaupt angehen sollen.

Im Laufe des Studiums akkumulieren wir neues Wissen, lernen Dinge zu verstehen und erkennen Zusammenhänge. Dies alles kann uns auf die Erkennung bestimmter Muster beim Lösen der Aufgaben primen.

Am Ende des Studiums können wir immer noch nicht alle Aufgaben ad hoc lösen. Aber wir sind uns sicher, dass wir herausfinden könnten, wie wir sie lösen würden.

Nun, was ist, wenn wir uns von Anfang an primen?

In anderen Worten:

Was ist, wenn ich die Vertrautheit von Anfang an selbst erzeuge, um Muster zu erkennen?

Am besten sind wir mit unseren Namen vertraut. Deshalb können wir auch in einer lauten Menschenmenge kaum irgendwelche Wörter erkennen. Aber deinen eigenen Namen hörst du sofort, obwohl er von vielen anderen Lauten übertönt wird und man ihn kaum hören kann.

Die beste Methode, sich mit der Physik vertraut zu machen, ohne dieser Vertrautheit viel Aufmerksamkeit zu schenken, ist das Konsumieren von Podcasts, die sich mit Physik beschäftigen.

Na toll, so eine lange Vorrede und pseudowissenschaftliches Zeug, um mir zu sagen, dass ich Podcasts hören soll. Echt toll!

Ich verstehe diesen Einwand. Aber manche Dinge begreift oder fühlt man erst dann, wenn man sie praktisch ausprobiert hat. Sowie man viele Bücher über Tischtennis oder Tennis lesen kann, um den perfekten Spin erzeugen zu können. Aber erst, wenn man ihn ein paar mal getroffen hat, den Sound dabei gehört und die Bewegung gespürt hat, weiß man ungefähr, wie man einen Top-Spin hinkriegt.

Das Beste daran ist, dass du mit dem Konsumieren von Podcasts dir das Gefühl bahnst, „es schon mal gehört“ zu haben und eine Intuition zu haben, in welche Richtung du beim Lösen einer bestimmten Aufgabe denken sollst.

Und genau das machen eigentlich diese Menschen, die du und ich für intelligent halten: Sie beschäftigen sich mit der Physik, sie lesen populärwissenschaftliche Bücher, schauen naturwissenschaftliche Dokumentarfilme. Sie nutzen die Macht des Priming-Effeks.

Im Folgenden findest du die Liste meiner Lieblings-Podcasts über Naturwissenschaften im Allgemeinen und Physik im Spezifischen.

In our time: Science  – mein absoluter Favorit, weil hier wichtige naturwissenschaftliche Konzepte einfach und klar erklärt werden.

Welt der Physik Podcast – mein absoluter Favorit in deutscher Sprache.

Einige Podcasts, die ebenso hervorragend sind (Ich höre sie unterschiedlich häufig):

The Titanium Physics Podcast

The Skeptics’ Guide to the Universe

The Guardian’s Science Weekly

Talk Nerdy

60-Second-Science von Scientific American

The Infinite Monkey Cage – von BBC Radio


 

Ich bin in einem Internet-Forum auf die folgende Frage gestoßen: Ist ein Physikstudium als Normalsterblicher schaffbar?

Diese Frage impliziert, dass man, um Physik zu studieren, anders oder etwas angeboren sein muss. Oder unsterblich natürlich. Aber wir sehen oft nicht, was hinter der Kulisse passiert: Wieviel Misserfolge, Ängste, Zweifel, Vorbereitungen und Arbeit drin stecken.

Es ist absolut schaffbar, wenn man dieses Idealbild entzaubert und in kleine Komponenten wie Angewohnheiten, Methoden und Strategien zerlegt, mit denen man sich vertraut machen kann.


Möchtest du deine Lieblings-Podcasts empfehlen? Dann schreib deine Empfehlungen unten im Kommentarfeld!

Blogverzeichnis - Bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste