Erfolgreich Physik studieren: Nachlesen statt Nachschreiben!

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Ich habe mich von Yoda beraten lassen, als ich kurz vor dem Studienabbruch stand. Vor diesem Moment bedeutete Physik für mich Überforderung und Frustration. Und ich dachte, dass es auch so sein muss, denn Physik muss ja schwierig sein. In dieser Zeit folgte ich außerdem brav Nietzsche’s „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Ich habe mich sogar an diese Regel so sehr gewöhnt, dass ich etwas sehr Einfaches und Offensichtliches vergessen habe: Wenn du eine Sache unglaublich schwer findest, dann machst du sie falsch. Und das war der Moment, in dem ich mich von Yoda beraten ließ:

„Named Must Your Fear Be, Before Banish It You Can.“

Ich habe meine Angst genannt: In Wirklichkeit hatte ich Angst, keine Zeit mehr zu haben.

An allen Ecken und Enden höre ich, wie schwierig Physik ist. Die Wahrheit ist aber, dass Physik nicht schwierig, sondern zeitaufwendig ist.

Wenn wir also den Zeitaufwand für dein Studium reduzieren, dann wird es sich nicht so schwer anfühlen. Aber bevor wir das machen, muss der Aufwand gemessen werden.

Der Studienverlauf kann von Universität zu Universität abweichen. Aber die Grundveranstaltungen wie Mathematik, das physikalische Praktikum, experimentelle und theoretische Physik bleiben gleich. Wenn ich vom Aufbau des Studiums an der Uni Leipzig ausgehe, dann zähle ich zwei Vorlesungen und eine Übung pro Modul. Das macht 3 mal 1,5 Stunden = 4,5 Stunden. Da es vier Module sind, multipliziere ich das mit vier und bekomme knapp 20 Stunden pro Woche. Dabei habe ich zwei sehr grobe Fehler gemacht. Erstens kann das Praktikum in der vorlesungsfreien Zeit stattfinden. Zweitens variiert die Anzahl der Stunden pro Modul oder Praktikum extrem stark. Aber ein Physiker nähert alles an, was er kann. Zu diesen 20 Stunden gesellt sich die Zeit zum Selbststudium, also die Zeit zum Nacharbeiten der Vorlesung und zum Lösen der Übungsaufgaben. Hat man drei Übungsserien pro Woche, so kann sich der Zeitaufwand auf 15 bis 50 Stunden pro Woche belaufen. Insgesamt braucht man also 35 bis 65 Stunden pro Woche – Plusminus Pi mal Daumen. Mit 35 Stunden ist das Glas nicht nur halb voll, sondern voll mit Halluzinogenen. Aber es ist nicht unmöglich.

Das Lösen von Übungsaufgaben ist das A und O des Physikstudiums und nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Wie schnell du die Übungsaufgaben lösen kannst, hängt davon ab, wie schnell du den Stoff der Vorlesung verstehst und das erlernte Wissen anwenden kannst. Es sind folglich drei Prozesse, die dein Studium erschweren:

– Langsames Verstehen des in der Vorlesung behandelten Stoffs,

– langsames Erlernen der Herangehensweise an die Übungsaufgaben und

– langsames Lösen von Aufgaben.

Alle Weisheit ist langsam. Zum Glück hat Physik nichts mit Weisheit zu tun, sonst wären alle Physiker alt und grau und wir könnten nichts gegen diese Probleme unternehmen.

Die drei Prozesse werden durch etwas befördert, was der Mathematiker und Ökonom Eric Weinstein im Interview mit dem Autor und Unternehmer Timothy Ferriss „teaching disability“, also Lehrunfähigkeit, nennt. Ist tatsächlich niemandem aufgefallen, dass man von Lernbehinderung redet, aber nie von Lehrbehinderung ? Wenn der Pädagoge Gustav Otto Kanter eine Lernbehinderung als ein „langandauerndes, schwerwiegendes und umfängliches Schulleistungsversagen“ definiert, dann begreife ich eine Lehrbehinderung als ein langandauerndes, schwerwiegendes und umfängliches Versagen der Pädagogin oder des Pädagogen. Damit will ich betonen, dass man dieses Problem in Bezug auf das Physikstudium ignoriert, indem man ständig davon redet, wie schwer das Studium sei. Nach den wirklichen Ursachen wird aber nicht gefragt.

Meine Lösung ist einfach, aber extrem effektiv. Sie lautet: Finde die besten Ressourcen.

Das scheint selbstverständlich zu sein, wird jedoch nur von wenigen Studenten in die Tat umgesetzt. Denn die meisten studieren irgendwie – und fallen dann irgendwie durch.

Was meine ich mit Ressourcen? Darunter verstehe ich alles, woraus ich zweckmäßig lernen kann.

Im Allgemeinen sind das Kommunikationsmedien wie Bücher, Blogs, Internetforen und Diskussionen. Das wir das definieren können, ist eine coole Sache. Wie findet man aber die besten Ressourcen?

Im Folgenden liste ich meine Strategien zur Minimierung des Leidens und Maximierung der Begeisterung im Physikstudium.

Finde die besten Studentinnen und Studenten und frage sie nach ihren Quellen und Methoden.

Beste Studentinnen sind solche, die ihre Übungsaufgaben schnell erledigen und mehr als 90 % richtig lösen. Wie lernen sie? Welche Bücher lesen sie? Besuchen sie spezielle Tutorien? Lernen sie in bestimmten Gruppen? Wissen sie etwas, was Andere nicht wissen?

Nutze die Macht der kollektiven Intelligenz.

Dies ist das nützlichste Werkzeug in meinem Lernkasten. Um das volle Potential dieser Methode auszuschöpfen, solltest du ein wenig Englisch können.

Nehmen wir an, dass die Analysis I-Vorlesung mich wie ein gleich gepolter Magnet abstoßt: Ich schaue an die Tafel und sehe einen Salat aus Zahlen, lateinischen und griechischen Buchstaben, und extra-terrestrischen Symbolen. Mein erster Schritt ist nach „das beste Buch Analysis 1“ zu googeln. Ich schreibe die häufigsten Empfehlungen und Kommentare aus dem Bildungsportal Matheboard auf:

  • Analysis 1 von Otto Forster – Am Anfang schwierig. Es gibt ein Übungsbuch mit Lösungen.

  • Analysis von Königsberger – Es gibt Hinweise oder Lösungen.

  • Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung von Courant – Anschaulich plus Rechentricks.

  • Analysis 1 von Escher und Amann – Keine Lösungen.

  • Analysis von Heuser – Viele Aufgaben und Lösungen, Schritt-für-Schritt Erklärungen.

Als nächstes suche ich auf der Website reddit.com – einem Social-News-Aggregator, wo alle Benutzer Beiträge positiv oder negativ bewerten können – nach „the best book on mathematical analysis“. Mit 17 positiven Bewertungen ist das Buch Understanding Analysis von Stephen Abbott der klare Gewinner.

Eine einfache Google-Suche mit demselben Sucheintrag auf Englisch führt mich auf die Internetplattform math.stackexchange.com, wo Stephen Abbott’s Buch ebenso am Häufigsten empfohlen wird.

Bevor ich diese Bücher aus der Bibliothek ausleihe, überfliege ich als Letztes den Inhalt und überprüfe, wie gut sie zu meiner Vorlesung und meinen Übungsaufgaben passen. Ich entscheide mich für zwei Bücher. Das erste Buch ist Analysis 1 von Otto Forster, weil seine Aufgaben meinen Übungsaufgaben ähneln. Understanding Analysis von Stephen Abbott ist das zweite, weil es kurz und präzise ist und die meisten Bewertungen hat.

Die gleiche Prozedur wende ich an, um nach den besten Lernressourcen wie Lernvideos, Online-Vorlesungen und Vorlesungsunterlagen zu suchen.

Meistere die Kunst der Recherche

Wenn ich eine Physik-Aufgabe nicht lösen kann – was im ersten Studienjahr oft der Fall war – , dann suche ich nach einer Lösung. Die Suche kann dabei viel Zeit in Anspruch nehmen und/oder gar keine Ergebnisse liefern. Ich kann folglich entweder mit der Suche aufhören oder meine Recherchefähigkeit verbessern. Im Folgenden stelle ich meine Strategien der Informationsbeschaffung dar.

1) Benutze die Google-Suchoperatoren

Eine kleine Änderung bei der Sucheingabe kann große Unterschiede in den Suchergebnissen bewirken. So liefert ein Sucheintrag in englischen Anführungszeichen Ergebnisse mit der exakten Phrase, die eingegeben wurde. „Carl Gauß“ sucht zum Beispiel nicht nach „Carl Friedrich Gauß“.

Wozu ist das gut? Mit der exakten Suche kann ich andere Ressourcen finden, die meinen Studienthemen entsprechen. Kopiere ich zum Beispiel eine Phrase aus den Übungsaufgaben und suche nach der exakten Wortwahl, so finde ich Websites von Professoren, die ihre Vorlesungen und Übungen ähnlich gestalten wie mein Professor. Diese Websites bieten mir die Möglichkeit, die Vorlesungsunterlagen von meinem Professor mit ähnlichen Skripten oder Unterlagen zu vergleichen oder mich mithilfe von ähnlichen Aufgaben auf die Klausur vorzubereiten.

Dies ist nur ein Beispiel. Nützliche Links zu den Google-Suchoperatoren findest du unten auf der Website unter „Links“.

2) Frage deine Übungsleiterinnen und Übungsleiter

Es ist wichtig, nicht die Professoren selbst zu fragen, sondern die Seminar- oder Übungsleiter. Denn der Professor hat sein Studium vor Jahrzehnten abgeschlossen und kann sich nicht mehr in den Studenten hineinversetzen: Was für mich logisch undenkbar ist, prozessiert er in seinem Denken automatisch. Stelle dem Übungsleiter dieselben Fragen wie den besten Studenten in deinem Kurs.

3) Besuche den Fachschaftsrat

Der Fachschaftsrat archiviert oft Altklausuren – das sollte reichen als Argument.

Andere für sich arbeiten lassen bedeutet, dass man mit seinen Kommilitonen kommuniziert, das Internet als kollektive Intelligenz ausnutzt und Informationen wie ein investigativer Journalist recherchiert. Diese Fähigkeiten reduzieren deine Zeit zum Nacharbeiten der Vorlesung und zum Lösen von Übungsaufgaben. Wer außerdem selbstständig und unabhängig von didaktischen Fähigkeiten seiner Professoren studieren will, muss sich diese Fähigkeiten aneignen.

Damit du nie wieder an deinem Studium verzweifelst, habe ich eine Checkliste erstellt, die du hier ansehen oder herunterladen kannst.

  • Finde die besten Studenten und befrage sie.

  • Google die besten Ressourcen sowohl auf deutsch als auch auf englisch.

  • Gehe auf reddit.com, um die besten englischsprachigen Empfehlungen zu finden.

  • Benutze die Google-Suchoperatoren.

  • Frage deine Übungsleiter.

  • Besuche den Fachschaftsrat.

Du musst nicht intelligent sein, um Physik zu studieren – du musst nur wissen, wie du die Intelligenz anderer Menschen nutzen kannst.

Links

https://support.google.com/websearch/answer/2466433?hl=de

http://neilpatel.com/de/blog/google-suchoperatoren/

https://kowabit.de/google-hacking/

 

1 Kommentar

  1. Ein kleiner Zusatz zu dem an sich sehr guten Artikel (musste ich selber schmerzhaft lernen):
    Wenn du schon in der Schule gemerkt hast, dass du sehr gut nur mit Zuhören lernst, dann geh auch in Vorlesungen, die stink langweilig sind – du wirst trotzdem mehr mitnehmen, als wenn du daheim nichts tust. Wenn du entscheidest, didaktisch schlechte Vorlesungen ausfallen zu lassen, dann sind die Tips in dem Artikel hervorragend!

    Und: Abschreiben ist in Ordnung – du solltest aber die Lösung, die du abschreibst, zumindest ansatzweise verstehen, Frag im Zweifelsfall denjenigen, von dem du abschreibst, ob er es dir erklären kann.

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