Physik: Berufsaussichten mit der Blue-Ocean-Strategie verbessern

Viele Physikstudenten mögen denken, dass sie nach ihrem Studium exzellente Jobaussichten haben werden. Denn überall spricht man davon, wie wertvoll Physiker als Arbeitskräfte seien. Man bezeichnet sie gerne als Allzweckwaffen und intellektuelle Allrounder*.

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Nun, ich bin mir da gar nicht so sicher. Als PhysikerIn hat man nämlich zwei Hauptoptionen: Forschung oder alles Andere.

Alles Andere bedeutet meistens, dass man in die Industrie wechselt oder seinen Weg in die Finanzwelt als Consultant findet. Die erste Option, also die Universität, ist ein Ort mit viel Konkurrenz. Und in der Finanzwelt gibt es genug Leute, die für die Firmen eine bessere Option als ein Physikabsolvent wären: BWLer, Informatiker, Mathematiker und Andere.

In diesem Artikel geht es um Selbstbestimmung. Was kannst du von Anfang an unternehmen, um selbst zu bestimmen, was du nach dem Studium machen kannst?

Denn, verdammt, du studierst mindestens fünf Jahre! Das Studium als Selbstzweck ist schön und gut, aber es ist aufwendig und du willst für deine Mühe belohnt werden. Niemand will das Gefühl haben, dass seine Arbeit nicht geschätzt wird.

Vielleicht denkst du in den ersten Jahren, dass Physik alles ist, was du für den Rest deines Lebens machen willst. Es ist schön, wenn dein Wille sich nicht ändert. Doch für viele Andere gilt: Am Studienende merken sie allmählich, dass die Forschung nichts für sie ist.

Egal, ob du in die Forschung gehen willst oder etwas Anderes machen möchtest. In diesem Artikel teile ich mit dir meine Methoden und Strategien, seine Berufsaussichten zu verbessern und gleichzeitig das zu tun, was man liebt.

Um den Artikel reibungsfrei weiter lesen zu können, musst du allerdings eine Voraussetzung erfüllen: Erwarte nicht, dass die Welt da draußen dir etwas schuldet, sondern denke darüber nach, was du der Welt geben kannst.

Werde so gut, dass sie dich nicht ignorieren können.

Cal Newport – Privatdozent für Informatik an der Universität in Georgetown und ein Bestsellerautor – bezeichnet in seinem Buch So Good They Can’t Ignore You
diesen Imperativ als the craftsman mindset, die Handwerker-Einstellung also. Im Gegensatz dazu steht the passion mindset – die Leidenschaft-Einstellung, bei der es sich immer um dieselben Fragen dreht: Was ist meine Leidenschaft? Wie finde ich meine Leidenschaft? Und was soll ich mit meinem Leben anfangen?

Was aber die Handwerker-Einstellung von der letzteren unterscheidet, ist die Konzentration auf den Prozess und seine einzelnen Schritte: Jeder Schritt wird eingeübt und perfektioniert – Tag für Tag, Stunde für Stunde, bis ein Kunststück daraus entsteht. Vergiss die Leidenschaft. Denn sie kommt später als Nebeneffekt der Handwerker-Einstellung.

Was hat das aber mit Physik zu tun?

Sehr viel.

Denn du wirst nicht immer hoch motiviert an den wöchentlichen Übungsaufgaben sitzen oder mit voller Begeisterung Daten aus dem Praktikumsexperiment auswerten. Es werden schwere Zeiten kommen, in denen du an deiner Studienwahl zweifeln wirst.

In solchen Zeiten ist die Besinnung auf die Handwerker-Einstellung hilfreich:
Vergiss einfach, ob dein Studium dir Spaß macht oder nicht, sondern werde auf deine Tätigkeit achtsam.

Du hast ein Übungsblatt mit den Integralen, die du nur mir Wolfram Alpha lösen kannst? Zerlege die Integration in kleine Schritte und perfektioniere jeden einzelnen Schritt. Werde WeltmeisterIn im Integrieren und werde so gut, dass sie dich nicht ignorieren können.

Cal Newport spricht in diesem Zusammenhang vom Karrierekapital. Das Karrierekapital sind seltene und wertvolle Fähigkeiten.

Ich glaube, dass man als PhysikerIn bereits viele wertvolle Fähigkeiten besitzt: Das analytische Denken und das mathematische Verständnis – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Zudem formt man sie mit der Handwerker-Einstellung zu hervorragenden Werkstücken.

Wie entwickelt man aber als PhysikstudentIn seltene Fähigkeiten?

Blue-Ocean-Strategy

Das Buch Blue-Ocean-Strategy wurde 2005 publiziert und seitdem wurden ca. 4 Millionen Kopien verkauft – in der Wissenschaftstheorie würde man von einem Paradigmenwechsel sprechen. Dabei geht es darum, wie man langfristig profitable Geschäftsmodelle entwickelt.

Wenn ich an große und kleine Unternehmen, und überhaupt an die Finanzwelt denke, dann assoziiere ich diese Welt mit drei Worten: Geld, Ehrgeiz und Konkurrenz.

Und die Konkurrenz ist genau das, was einen roten Ozean auszeichnet: Er ist rot vom blutigen Kämpfen der bedeutungslosen Konkurrenz. Ein blauer Ozean, dagegen, ist frei von Konkurrenten.

Die Essenz der Blue-Ocean-Strategy lautet: Vermeide Konkurrenz und schaffe neue Märkte.

Und noch ein Mal: Was hat das mit Physik zu tun?

Ich habe das Buch gründlich studiert, um die Prinzipien auf das Physikstudium anzuwenden. Die Kernaussage, die ich daraus gezogen habe, lautet: Vermeide Konkurrenz und schaffe neue Fähigkeiten.

Blue-Ocean-Strategy für Physiker

Wie vermeidet man die Konkurrenz?

Die meisten Studenten, mich eingeschlossen, wollen sehr gute Noten. Denn wir sind fest davon überzeugt, dass sie der stärkste Indikator für unsere Kompetenz, Intelligenz und unsere zukünftigen Jobchancen ist. Aber ist das nicht verrückt, dass wir dafür ein einziges Kriterium heranziehen? Manche fügen noch die Anzahl der absolvierten Praktika hinzu. Es bleibt trotzdem verrückt.

Und so konkurrieren die meisten Studenten mit anderen Studenten und sich selbst – dabei machen sie winzige und bedeutungslose Babyschritte und lernen bis zum Burn-Out, weil sie eine 1.0 haben wollen.

Der Stress ist vermeidbar mit der Blue-Ocean-Strategy.

Wertekurve

Im ersten Schritt dieser Strategie wollen wir uns die sogenannte Wertekurve anschauen. Das bedeutet, dass wir die wichtigsten Merkmale aller PhysikerInnen erarbeiten und sie visuell darstellen.

Welche Fähigkeiten bieten die meisten Physikabsolventen ihrem potentiellen Arbeitgeber – gleich, ob Universität oder Unternehmen – an?

Nun, die meisten haben gute bis sehr gute Noten. Nur manche absolvieren mehrere Praktika während des Studiums. Und ganz wenige sind kommunikationsstark.
Es gibt natürlich eine Reihe weiterer Merkmale, die Wichtigkeit derer von deiner
späteren Spezialisierung abhängen kann.

Hier ist eine Wertekurve, die ich selbst nach meinem besten Wissen und tiefen Gefühl erstellt habe – sie hat also keinen Anspruch auf statistische Unabhängigkeit und Verallgemeinerung.

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Du siehst an der Wertekurve, dass es viel Konkurrenz zwischen den PhysikabsolventInnen gibt, die sehr gute Noten haben, gutes Englisch sprechen und analytisch denken. Dafür findet man ganz wenig selbständige, engagierte und berufserfahrene PhysikerInnen.

Im zweiten Schritt entwickelst du ein Geschäftsmodell, d.h. du entwirfst dein Profil. Dabei musst du die folgenden vier Fragen beantworten:

– Welche Faktoren müssen reduziert werden?
– Welche Faktoren, die für selbstverständlich erachtet werden, müssen eliminiert werden?
– Welche Faktoren, die andere Studenten nicht anbieten, kann ich kreieren?
– Welche Faktoren müssen gesteigert werden?

Stellen wir uns vor, dass ich enorm viel Zeit investiere, um gute Noten zu bekommen und um Englisch zu lernen.

Welche Faktoren müssen in diesem Fall reduziert werden?

Ganz einfach. Ohne Englisch geht gar nichts – ich reduziere also meinen Zeitaufwand für die Jagd nach sehr guten Noten.

Welche Faktoren, die für selbstverständlich erachtet werden, müssen eliminiert werden?

Den Faktor „Analytische Denkweise“ habe ich nur aus dem Grund hinzugefügt, weil er häufig in zahlreichen Jobanzeigen erwähnt wird.

Aber für mich ergibt er aus zwei Gründen keinen Sinn. Erstens, wie will man das Vorhandensein der analytischen Denkweise überprüfen? Und kann man das selbst messen? Man könnte dem Bewerber sicherlich einige spezielle Fragen stellen, um eine grobe Ahnung zu bekommen, ob er etwas analysieren kann – was auch immer das bedeuten mag.

An diesem Punkt kollidiert das Argument mit dem zweiten Grund: Welche Physikerin oder welcher Physiker kann nicht analytisch denken? Ich habe noch nie von einem Physiker gehört, der synthetisch oder holistisch denkt.

Des Weiteren eliminiere ich den Faktor „Praktika“: Ich absolviere also gar keine Praktika in der Industrie oder sonst wo während meines Studiums. Keine Lust.

Welche Faktoren, die andere Studenten nicht anbieten, kann ich kreieren?

Hier ist deine Kreativität und dein Interesse gefragt: Was tust du so gerne, dass du daraus einen markanten Punkt in die Wertekurve setzen könntest?

Ähh, dir fällt nichts ein?

Denke härter nach. Was hast du gerne in deiner Kindheit gemacht? Wonach googelst du, wenn du Langeweile hast? Oder bilde zum Beispiel das Gegenteil von den Stereotypen über Physiker: Physiker halten nicht viel von Philosophie, Literaturwissenschaft und Biologie. Und beschäftige dich mit diesen Dingen.
Oder belege ein Modul in einer Wissenschaft, von der du selbst nur wenig hältst.
Oder lerne Menschen kennen, die auf dich fremd wirken.

Leute, die Kunst verstehen, sind Hippies, und die, die Kunst gerne verstehen möchten, sind Hipster? Rede mit diesen Leuten – vielleicht habt ihr mehr gemeinsam, als du dir vorstellen kannst.

Ich glaube, dass beinahe jeder Mensch bereits ein Potential an interessanten und nützlichen Fähigkeiten im Laufe seines Lebens aufgebaut hat, das er nur noch ausdrücken muss. Vielleicht hast du vor dem Physikstudium etwas Anderes studiert, eine Ausbildung absolviert oder etwas ganz Anderes gemacht – was hast du in dieser Zeit gelernt und wie kannst du es nun auf das Physikstudium übertragen?

Was hat das mit der Wertekurve zu tun?

Du gewinnst dadurch neue Perspektiven und entdeckst dabei deine inneren Werte, die du praktisch nach außen wenden kannst.

Aber zurück zu meinem Fall.

Ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, dass ich sehr gern Chinesisch lernen würde, aber bis jetzt keine Zeit dafür gefunden habe. Nun habe ich den Faktor „sehr gute Noten“ reduziert und kann die gewonnene Zeit in das Erlernen der neuen Sprache investieren. Ich kreiere den neuen Faktor „gutes Chinesisch“.
Denn wie viele PhysikstudentInnen kennst du, die Chinesisch sprechen?

Welche Faktoren müssen gesteigert werden?

Manche Physikstudenten studieren ein Jahr länger, um bessere Noten zu bekommen, obwohl sie ihr Studium in der Regelstudienzeit beenden könnten. Stattdessen schließe ich das Studium in meinem Beispiel rechtzeitig mit einer etwas schlechteren Endnote ab. Dafür sammle ich in diesem Jahr Berufserfahrung in der Softwarebranche.

Damit verjage ich zwei Fliegen mit einer Klappe (Ich will sie nicht töten.): Ich steigere gleichzeitig die Faktoren „Berufserfahrung“ und „Programmierkenntnisse“.

Nach der Beantwortung der vier Fragen sieht die neue Wertekurve anders aus:

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Das ist dein neues Geschäftsmodell: Lass dich nicht beirren, wenn jemand bessere Noten oder bereits mehrere Praktika absolviert hat. Denn du machst dein Ding, das dich von Anderen unterscheidet.

Physikstudium – was dann?

Manche Physikstudenten denken nicht gerne über solche Themen nach, denn sie wollen sich nicht verkaufen.

Dabei geht es gar nicht darum.

Es geht vielmehr um jene wichtigen Fragen, die jeden Studenten betreffen:

Was mache ich nach dem Studium, wenn ich doch nicht in die Forschung gehen will? Welche nützlichen Fähigkeiten sollte ich von Studienanfang an erlernen? Womit verschwende ich meine Zeit? Wie kann ich der Beste oder die Beste in einer bestimmten Sache werden, ohne mit Leuten zu konkurrieren, die mindestens 10 Jahre Erfahrung haben?

Zuallerletzt möchte ich einen für PhysikstudentInnen sehr nützlichen Ratschlag von Scott Adams anbringen – einem erfolgreicheren Comiczeichner, dessen satirische Zeichnungen das Spannungsverhältnis zwischen Ingenieuren und Managern im modernen Büroleben illustrieren. Denn er fasst alle wichtigen Punkte in diesem Blogartikel gut zusammen:

If you want an average, successful life, it doesn’t take much planning. Just stay out of trouble, go to school, and apply for jobs you might like. But if you want something extraordinary, you have two paths: 1) Become the best at one specific thing. 2) Become very good (top 25%) at two or more things.
The first strategy is difficult to the point of near impossibility. Few people will ever play in the NBA or make a platinum album. I don’t recommend anyone even try.
The second strategy is fairly easy. Everyone has at least a few areas in which they could be in the top 25% with some effort. …
I always advise young people to become good public speakers (top 25%). Anyone can do it with practice. If you add that talent to any other, suddenly you’re the boss of the people who have only one skill. Or get a degree in business on top of your engineering degree, law degree, medical degree, science degree, or whatever. Suddenly you’re in charge, or maybe you’re starting your own company using your combined knowledge.
Capitalism rewards things that are both rare and valuable. You make yourself rare by combining two or more “pretty goods” until no one else has your mix. … At least one of the skills in your mixture should involve communication, either written or verbal. And it could be as simple as learning how to sell more effectively than 75% of the world. That’s one. Now add to that whatever your passion is, and you have two, because that’s the thing you’ll easily put enough energy into to reach the top 25%. If you have an aptitude for a third skill, perhaps business or public speaking, develop that too.
It sounds like generic advice, but you’d be hard-pressed to find any successful person who didn’t have about three skills in the top 25%.
(Aus „Tools of Titans“ von Tim Ferriss)

Und die offizielle Übersetzung:

Wer sich ein erfolgreiches Durchschnittsleben wünscht, der muss nicht viel planen. Machen Sie keinen Ärger, gehen Sie brav in die Schule und bewerben Sie sich um Jobs, die Ihnen Spaß machen können. Wollen Sie aber Außergewöhnliches erreichen, haben Sie zwei Möglichkeiten: 1) Auf einem bestimmen Gebiet Bestleistungen zu bringen. 2) In zwei oder mehr Disziplinen sehr gut zu sein (unter der oberen 25 Prozent).
Die erste Strategie ist schwierig bis an den Rand der Unmöglichkeit. Nur die wenigsten werden je in der NBA spielen oder eine Platin-Schallplatte erhalten. Ich empfehle niemandem, das zu versuchen.
Die zweite Strategie ist dagegen gar nicht so schwer. Jeder kann zumindest in ein paar wenigen Bereichen zu den besten 25 Prozent gehören, wenn er sich Mühe gibt. …
Ich rate jungen Leuten immer, ihre rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren (Top-25 Prozent). Das kann mit etwas Praxis jeder. Kombinieren Sie diese Kompetenz mit einer beliebigen anderen, finden Sie sich plötzlich als Chef der Menschen wieder, die nur über eine dieser beiden Fähigkeiten verfügen. Oder erwerben Sie neben Ihrem technischen, juristischen, medizinischen, naturwissenschaftlichen oder sonstigen Abschluss noch einen wirtschaftswissenschaftlichen – und plötzlich haben Sie das Sagen. Vielleicht gründen Sie aber auch Ihr eigenes Unternehmen, weil Sie über dieses gebundene Wissen verfügen.
Der Kapitalismus honoriert Seltenes und Wertvolles. Sie selbst können sich rar machen, indem Sie so lange zwei oder mehr »attraktive Eigenschaften« kombinieren, bis niemand sonst mit der gleichen Mischung aufwarten kann. … Zumindest eine Kompetenz sollte dabei mit Kommunikation zu tun haben, ob schriftlich oder mündlich. Es kann etwas so Einfaches sein wie effektivere verkäuferische Kompetenz als 75 Prozent aller anderen Menschen auf der Welt. Das wäre das Eine. Verknüpfen Sie das nun mit Ihrer persönlichen Leidenschaft, ganz gleich welche das ist, und schon haben Sie Ihre zwei Eigenschaften, in die Sie problemlos genug Energie investieren können, um es unter die besten 25 Prozent zu schaffen. Haben Sie noch ein drittes Talent, etwa Geschäftssinn oder freies Reden, dann bauen Sie das ruhig auch noch aus.
Das klingt nach einem recht pauschalen Rat, doch Sie werden kaum eine erfolgreiche Persönlichkeit finden, die nicht drei Dinge besser beherrscht als 75 Prozent ihrer Mitmenschen.
(Aus „Tools der Titanen“ von Tim Ferriss)

 

Ressourcen und Links:

  • Tools of Titans von Tim Ferriss
  • Blue Ocean Strategy: How to Create Uncontested Market Space and Make the Competition Irrelevant von W. Chan Kim und Renée Mauborgne
  • So Good They Can’t Ignore You. Why Skills Trump Passion in the Quest for Work You Love von Cal Newport
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