Physik ist höchst emotional: Oder was man im Physikstudium für das Leben lernt.

Natur und Kultur. Naturwissenschaftler und Kulturwissenschaftler. Das Spannungsverhältnis zwischen beiden Fronten besteht seit jeher.
Die einen seien einfach faul und die anderen seien emotionslose Wesen, die die Fortbewegungsart von Robotern imitieren.

Doch das innere Getriebe eines Physikstudenten ist in Wirklichkeit höchst emotional.

Freude
sketch1507887599482 700x438


Die Reise jedes Physikstudenten beginnt mit viel Freude.
Es herrscht Aufbruchstimmung: Endlich Physik studieren!
Von all den so spannend klingenden Begriffen kriegt er den Mund nicht zu: Dunkle Materie, Fourier-Transformation, hermetische Operatoren, Pfadintegrale, Renormierung, Entropie, Quantenfeldtheorie, Antineutrino, Maxwellscher Dämon, und und und.

Seine Augen sind groß wie die Planeten und seine Neugierde will das Unendliche fassen.

Überraschung
sketch1507884578634 700x438

Eine Woche später kommt die erste Überraschung.

Er lernt seine eigene Dummheit kennen.

sketch1507885276093 700x438

Für manche unbedeutend, erschüttert dieses Kennenlernen sein Lebensfundament. Denn Physik und Mathematik sind das, was er kann und was er liebt. Die Korrektur seiner Übungsaufgaben ist aber anderer Meinung. Der Vorlesungsraum verwandelt sich in einen Kondensator, dessen Feld von der Dummheit des Studenten und der unerreichbaren Intelligenz des Professors aufgespannt wird.

In diesem Spannungsverhältnis will das Unendliche nicht nur gefasst werden, sondern es versteckt sich in mathematischen Surrogaten wie dem Limes oder dem Supremum.

Ärger
sketch1507885739504 700x438

Nach der Dummheit kommt der Ärger:
Diese blöden Professoren, die nicht erklären können!
Diese blöden Kommilitonen, die alles besser können!
Diese blöden Aufgaben, die sich nicht berechnen lassen wollen!
Wie soll ich die verdammten Aufgaben lösen, wenn er das gar nicht erklärt hat?
Wie zum Teufel hat er das so schnell hinbekommen?
Das ist eine bescheuerte Aufgabe – ich studiere Physik und nicht Mathematik!

Trauer
sketch1507886342067 700x438

Der Ärger wird von der Trauer abgelöst.

Er fühlt sich von der Physik betrogen.

Anstatt atemberaubender Einblicke in die komplexe Welt der Quantenphysik, muss er sich mit reellen Vektorräumen zufrieden geben. Vorlesung nach Vorlesung, Aufgabe nach Aufgabe verschwinden seine Kräfte wie seine Kommilitonen.
Er hat keine Lust mehr. Er geht auf Facebook.

Dort feiern seine Freunde. Sie haben ein Leben. Sie reisen um die Welt. Er nicht. Er sitzt an einer Aufgabe, die niemanden interessiert.

Verachtung
sketch1507886908740 700x438

Die Trauer ist ihm zu schwer. Neid und Verachtung fühlen sich leichter an.
Das Netz kann sie halten. Er will genauso sein wie seine Freunde dort und denkt an den Studienabbruch. Physik ist nicht das, was er sich darunter vorgestellt hat.

Er beschließt, sich das allerletzte Mal an die Aufgabe zu wagen.

Nicht aus Hoffnung, sondern aus dem gewöhnten Aberglauben: Wenn ich jetzt diese eine Aufgabe richtig berechne, dann werde ich in 20 Jahren den Nobelpreis gewinnen. Als Kind hat er dies mit allem Möglichen getan: Wenn das nächste Auto, das ich sehe, rot ist, dann werde ich später Millionär sein.

Freude

sketch1507887599482 700x438

Doch seine Rechnung geht plötzlich auf.

Die Aufgabe ist gelöst. Er ist ein Genie! Und sein Freude ist grenzenlos. Keiner seiner Facebook-Freunde kann dieses Gefühl verstehen. Seine Augen sind groß wie die Planeten und seine Neugierde will wieder das Unendliche fassen.

Und die Geschichte beginnt von vorne…

sketch1508313343221 700x438

 

Was lernen wir daraus?

Das weit verbreitete Stereotyp über Physiker, dass sie höchst intelligent sein müssen, untergräbt etwas ganz Wichtiges und Problematisches am Physikstudium:
Es ist die Art und Weise, wie man mit den Phasen der Frustration und des Scheiterns umgeht.

Denn im Physikstudium gilt Murphys Gesetz: „Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.“

Es hilft natürlich, intelligent zu sein.

Doch entscheidend ist es nicht.
Intelligenz gleicht einem Motor in einem Sportwagen. Was hilft dir aber der Motor, wenn der Fahrer unbeherrscht ist?

Entscheidend ist der Fahrer, also der Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit.

Denn die meiste Zeit irrt man sich, macht Fehler, fühlt sich dumm, probiert etwas aus und konstruiert richtige Lösungen hinterher. Dabei muss man offen sein für Kritik und Verbesserungen von außen. Das macht verletzlich.

Doch genau das ist so schön am Physikstudium: Wenn die harte logische Strenge sich mit der weichen offenen Verletzlichkeit vereint.

 

 


* Dieser Blogartikel ist eine leicht modifizierte Version meiner Rede beim Science Slam der Physik an der Universität Leipzig. (Super organisiert vom tollen Team des FSR Physik & Meteo. Vielen Dank dafür!)

Blogverzeichnis - Bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste