Physik studieren: Über Meditation und Tomaten

Ich rede sehr gerne mit Menschen. So gern, dass ich mich oft schuldig fühle, denn eigentlich hätte ich in dieser Zeit lernen müssen. Und dann ärgere ich mich, dass ich mich so sehr auf mein Studium konzentriere, anstatt im Hier und Jetzt zu leben.

In diesem Artikel beschreibe ich meine Lösung dieses Problems und erkläre dir, warum viele Studenten so lange in der Universitätsbibliothek sitzen und trotzdem so wenig schaffen. Und wie du das vermeiden kannst.

Um die Ideen klar herauskristallisieren zu können, habe ich fünf Jahre Erfahrung und zwei Bücher gebraucht.

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Magische Formel

Es gibt eine sehr nützliche Formel. Sie ist magisch und bewirkt Wunder. Obwohl viele sie unbewusst anwenden, kennen nur wenige ihre explizite Form. Sie
lautet:

hochwertige geleistete Arbeit = ( Zeitaufwand ) × ( Intensität der Konzentration )

Cal Newport beschreibt sie in seinem Buch Konzentriert arbeiten: Regeln für eine Welt voller Ablenkungen und gibt unzählige Gründe an, warum man dieses Gesetz der Produktivität anwenden sollte.

Als Physiker würde ich nicht von einem Gesetz sprechen – aber was soll’s.

Es gibt allerdings einen sehr wichtigen Grund, warum du diese Formel in deinem Studium umsetzen solltest: Sie kann nämlich wunderbar im Physikstudium angewandt werden.

Denn man hat in Physik so viele Übungsaufgaben zu lösen, an denen man mit höchster Konzentration arbeiten und sich von der ganzen Menschheit abkapseln kann – ein Paradies für Introvertierte.

Im Folgenden erkläre ich dir, wie du die Zeit, die du an den wöchentlichen Aufgaben verbringst, drastisch reduzieren kannst.

So trainierte Garry Kasparov, ein Titan der Schachgeschichte, der 20 Jahre an der Spitze der Weltrangliste stand, nur eine bis zwei Stunden am Tag. Nur im Trainingscamp übte er sechs Stunden. So ein hohes Level der Konzentration ist erreichbar und kann den Zeitaufwand im Studium phänomenal verändern.

Wie kannst du aber dieses Level praktisch erreichen?

 

Teile deine Zeit in Blöcke ein

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Zuallererst musst du deinen Tag in Zeitblöcke einteilen. Das Wichtigste an den
Lernzeitblöcken ist nicht, dass sie viel Zeit beanspruchen, sondern, dass sie voll-
kommen frei von jeglichen Ablenkungen sind.

Die E-Mails dürfen während dieser Zeitblöcke nicht gecheckt werden und das Handy muss ausgeschaltet oder auf lautlos gestellt sein. Die Zeitblöcke können zuerst eine bis drei Stunden dauern. Konzentriere dich hundertprozentig auf den Prozess und vergiss deine Probleme und Sorgen: Diese Zeit ist heilig und muss geschützt werden.

Wer noch nie über längere Zeiten hochkonzentriert gearbeitet hat, der oder dem wird der Anfang sehr schwer fallen. Denn heutzutage werden wir ständig abgelenkt und wir haben es verlernt, uns intensiv auf eine Sache zu konzentrieren.

Drei Faktoren sind maßgeblich für die erneute Erwerbung dieser Fähigkeit: Zeit, Ort und Routine.

 

Zeit, Ort und Routine

Stelle dir folgende Fragen: Zu welchen Zeiten kann ich mich am besten konzentrieren? Zu welchen Zeiten werde ich nicht von meiner Außenwelt abgelenkt? Bin ich ein Morgen-, Abend- oder gar ein Nachtmensch? Wenn du z.B. ein Abendmensch bist, aber ständig von deinen Mitbewohnern abgelenkt wirst, dann solltest du über den zweiten Faktor nachdenken – den Ort.

Die Bibliothek ist nur dann optimal für das Lernen, wenn du bereits die Fähigkeit besitzt, deine Umwelt vollkommen ignorieren zu können. Denn dieser Ort ist im Grunde genommen schrecklich: Studenten gähnen laut, flüstern und stellen sich
zur Schau. Sie tun alles Mögliche – nur Lernen nicht. Wenn du dich in diesem
Milieu trotzdem wohl fühlst, dann ist die Bibliothek ein passender Lernort für dich.

Es gibt selbstverständlich nicht nur eine Bibliothek, sondern man kann viele
Zweigbibliotheken finden, die nur wenig besucht werden oder einfach schön sind. Außerdem lernen manche Studenten in den Cafés, wie Starbucks. Die
Wahl des richtigen Ortes hängt jedoch vom letzten Faktor ab – deiner Routine.

In seinem bemerkenswerten Buch Daily Rituals: How Artists Work beschreibt der US-amerikanische Schriftsteller und Redakteur Mason Currey Arbeitsrituale und Routinen herausragender Persönlichkeiten wie Ayn Rand, Albert Einstein oder Simone de Beauvoir. Was man aus diesem Buch mitnimmt, sind nicht die Routinen selbst, denn sie unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.

Vielmehr geht es darum, dass man seine Routine findet und sie tagtäglich ausführt. Auf die permanente Wiederholung kommt es an.

Zum Glück bekommt man im Physikstudium viele Übungsaufgaben, für die Be-
arbeitung derer man eine Woche Zeit bekommt. Nun plagen sich viele Studenten mit diesen Aufgaben. Sie brauchen mehrere Tage, um sie zu lösen. Der Grund dafür ist höchstwahrscheinlich ihrer mangelnde Intensität der Konzentration.

Wenn du aber für die Bearbeitung jeder Übungsserie dir einen Zeitblock von ca. 2 bis 4 Stunden frei machst und in diesem Zeitblock dich vollkommen und ohne jegliche Ablenkungen auf das Lösen der Aufgaben konzentrierst, reduzierst du den Zeitaufwand enorm.

Eine sehr gute Strategie ist, die Zeitblöcke so schnell wie möglich nach der Ausgabe der Übungsaufgaben einzuteilen, da du in diesem Falle beinahe die ganze Woche Zeit hast, um deine Lösungen mit deinen Kommilitoninnen und Kommilitonen oder Professoren zu besprechen. So behältst du sie lange in deinem Gedächtnis und bereitest dich in dieser Weise von Anfang an auf die Klausur vor.

Doch wie kann deine Routine im Spezifischen aussehen?

Da du dein Ritual selbst gestalten musst, zeige ich dir drei nützliche
Tricks, die deinen Fokus vertiefen und den Prozess beschleunigen.


Drei nützliche Tricks

Die Pomodoro-Methode

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Der erste und oft unterschätzte Trick ist die sogenannte Pomodoro-Methode (ital.: pomodoro = Tomate, benannt nach der Küchenuhr in Form einer Tomate, die der Erfinder der Methode benutzt hat). Die Idee dahinter ist, dass man 25 Minuten konzentriert arbeitet und dann eine fünfminütige Pause einlegt, dann konzentriert man sich wieder eine Viertelstunde und legt eine fünfminütige Pause ein, usw. Den Prozess wiederholst du so oft du willst. (Installiere einfach eine Pomodoro-App auf dein Handy oder Laptop.)

Eine Variation der Pomodoro-Methode besteht aus 45 Minuten voller Konzentration und einer 10-minütigen Pause. Diese Methode eignet sich perfekt für die Bearbeitung von Lehrbüchern und für das Lernen allgemein.

Die 25-minütigen Intervalle eignen sich ebenso gut für das Lösen der Übungsaufgaben in Experimentalphysik. Denn dort muss man normalerweise eine Formel anwenden oder einen einfachen Zusammenhang herleiten.

Für die Bearbeitung der Aufgaben in theoretischer Physik sind solche Intervalle zu kurz. Die 45-minütigen Arbeitsphasen passen hier besser.


Schwierige Aufgaben zuerst

Der zweite Trick besteht darin, dass man zuerst die schwierigen Aufgaben löst, weil am Anfang die Konzentration und Motivation am höchsten sind. Außerdem bekommt man auf schwierigere Aufgaben mehr Punkte als auf simple Rechenbisse.
(Das würde ich allerdings nicht für das Lösen der Klausuraufgaben empfehlen. Darüber aber werde ich später in einem anderen Artikel schreiben.)


Konzentriere dich auf den Prozess

Der letzte Punkt ist die hundertprozentige Konzentration auf den Prozess und nicht auf das Resultat.

Warum ist das wichtig?

Eine bekannte Strategie im Schnelllesen ist, dass man beim Lesen den Finger über jede Zeile führt. So vermeidet man das Hin- und Herspringen der Augen und beschleunigt dadurch die Lesegeschwindigkeit.

Genauso ist das, während du versuchst eine Aufgabe zu lösen. Es sollte dich nicht kümmern, was für ein Ergebnis du erhältst, sondern nur, wie du gerade im Moment das Problem lösen kannst. So vermeidest du das Hin- und Herspringen der Gedanken.

In diesem Sinne ist der Prozess des Aufgabenlösens nichts Anderes als Meditation. Denn während eines Zeitblocks lässt du dich weder von deiner Umgebung noch von deinen eigenen Gedanken ablenken und konzentrierst dich völlig auf den Prozess.

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Dadurch, dass ich meine Zeit in Blöcke einteile, versuche ich das anfängliche Problem mit Menschen zu lösen: Zwar darf ich in dieser Zeit mit niemandem kommunizieren, dafür richte ich meinen Fokus in der restlichen Zeit hundertprozentig auf meine Mitmenschen.

 

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