Physikstudium: Birgit Schürmann über Top 15 Präsentationsfehler

­Physiker halten langweilige Vorträge. Obwohl die Inhalte an sich höchst interessant sind, werden sie meistens trocken und viel zu sachlich präsentiert.
Meine Vorträge waren aber auch nicht viel besser.

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Also habe ich mich gefragt: Warum?

Warum halte ich so schlechte Vorträge?

Weil ich nicht nur meine Professoren langweile, sondern das ganze Publikum. Aber warum langweile ich sie? Denn ich finde meine Vorträge spannend. Oder täusche ich mich?

In dieser Sache konnte ich mich also nicht auf meine eigene Urteilskraft verlassen. Was ich brauchte, waren quasi-objektive Kriterien, nach denen man sehr gute Vorträge beurteilen kann.

Seitdem habe ich mir hunderte von TED-talks angeschaut und ganze Bücher über die Kunst des Präsentierens gelesen. Doch

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.

Meine tolle Erkenntnis: Jeder macht das anders.

Es gibt natürlich Ingredienzien, die jeder gute Redner oder jede gute Rednerin beherrscht: Perfekte Übergänge zwischen Präsentationsfolien, spannender Anfang in den ersten 30 Sekunden, klare Aussprache, einprägsame Bilder, etc. Das sind die Basics.

Diese Erkenntnis hat mich auf meine Lieblingsweisheit geführt:

Versuche nicht besonders intelligent zu sein, sondern einfach nicht dumm.**

In diesem Fall bedeutete das: Versuche nicht, besonders gute Vorträge zu halten, sondern halte einfach keine schlechten Vorträge.

OK. Das klingt nicht nach viel Arbeit! Was macht also einen schlechten Vortrag aus?

Ich habe keine Ahnung.

15 „Top Fehler“

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Also habe ich mich an eine Top-Expertin auf dem Gebiet Präsentieren und Reden gewandt. Birgit Schürmann ist Schauspielerin, Trainerin und Rednerin. Ihr Podcast Rhetorik, die im Kopf bleibt wurde mit dem Life Changer Award nominiert und ist einer der Top-Podcast der iTunes-Charts.

Ich bin ein großer Fan von ihrem Podcast, weil man von jeder Folge etwas lernen und praktisch umsetzen kann. Ich hasse Zeitverschwendung und ihr Podcast ist definitiv keine Zeitverschwendung.

Meine Frage an sie:

Welche Fehler machen Physikerinnen und Physiker, wenn sie zum Beispiel ihre Forschungsresultate, aktuelle Publikationen, Master- oder Promotionsarbeiten vor einem fachfremden Publikum präsentieren? Gibt es die „Top 10 Fehler“?

Es gibt sogar 15 „Top Fehler“!

Sie antwortete in einer E-Mail:


Die 15 TopFehler sind:

1. Sich nicht auf die Zielgruppe einstellen/ die Zielgruppe nicht kennen (weder die Sprache noch die Kenntnisse des Publikums treffen, sich nicht daran orientieren, wo dem Publikum der Schuh drückt)

2. Das Publikum fachlich unter- oder überfordern

3. Mit Fachwörtern um sich werfen (Publikum kommt nicht mehr mit)

4. Nicht bedenken, dass unterschiedliche Zielgruppen im Publikum sitzen (Experten UND Fachfremde, wenn man nur für eine Zielgruppe präsentiert, verliert man die andere)

5. Dem Publikum keine Pause geben, das Gehörte sacken zu lassen

6. Fragen abwehren (macht unbeliebt und manche Fragesteller kommen dann fachlich nicht mehr mit, weil ihnen Infos fehlen)

7. Nur Zahlen, Daten und Fakten liefern (schläfert ein)

8. Monoton reden (schläfert ein)

9. Sein ganzes Wissen mit der Präsentation beweisen wollen (ist zuviel)

10. Keinen roten Faden haben  (verwirrt das Publikum)

11. Zu viele Folien (die womöglich noch eng beschrieben sind und die man ab der mittleren Reihe nicht mehr lesen kann)

12. Zu leise sprechen

13. Die Zeit überziehen

14. Das Publikum langweilen

15. Mit Floskeln um sich werfen oder sich klein machen („Schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind…“ „Ich hoffe, Ihnen hat meine Präsentation gefallen.“)

Mein Tipp ist: Forschungsresultate so erklären, dass sie auch meine Oma verstehen würde. Laien freuen sich, dass sie (endlich mal) Physik verstehen und Leute vom Fach finden einfache Erklärungen oder originelle Vergleiche witzig. Beide Zielgruppen werden Sie dafür lieben.

Anbei noch zwei Links zum Thema: Wie trage ich spannend vor?

Beide richten sich zwar an Architekten, aber inhaltlich ist es dasselbe, denn auch die Architekten müssen vor Stadtverwaltungen, Investoren etc. präsentieren, die keine Ahnung  haben.

1. Präsentationen für Architekten, Planer und Ingenieure – 7 Punkte, die man beachten sollte (Architekturzeitung.com)

 

2. Storytelling: Im Gedächtnis bleiben

Aus der Beilage der deutschen Bauzeitung „Der Entwurf“ für Architekturstudenten, in der sich alles darum dreht, wie man Bauherren und Co. von seinem Entwurf oder seiner Idee begeistert.


Erstelle aus diesen Top-15-Fehlern eine Checkliste und benutze sie für deine Vorträge. Und vergiss die oben erwähnte „Oma-Strategie“ nicht.

 

Meine Routine

Der große Entwurf

Geht es um einen wichtigen Vortrag, so fange ich mindestens drei Wochen vor dem Vortragstermin an. Ich brauche mindestens zwei Wochen, um Informationen zu sammeln, zu strukturieren und eine Power-Point-Präsentation zu erstellen.

Nach circa zehn Tagen und kurz vor dem Erstellen der Präsentation habe ich absichtlich mehr Informationen gesammelt als nötig. Alle diese Informationen, Daten, Ideen und so weiter werden im ersten Entwurf gefangen.

Danach wird gnadenlos gekürzt. Alles Nebensächliche, Redundante und Nichts-Aussagende muss weg. Schwierige Wörter oder Konzepte werden durch einfache Wörter, Bilder oder Vergleiche ersetzt. (Denk an die Fehler 1-4, 7 und 14. Und an deine Oma.)

Wenn der erste Entwurf aus zehn Seiten bestand, dann beinhaltet der zweite Entwurf nur noch zwei bis drei Seiten.

Die Idee mit dem gnadenlosen Kürzen habe ich übrigens vom amerikanischen Schriftsteller, Redakteur und Literaturkritiker William Zinsser übernommen.
In seinem klassisch gewordenen Buch On Writing Well: The Classic Guide to Writing Nonfiction habe ich einen Satz gefunden, an dem ich mich in allen meinen Vorhaben zu orientieren versuche:

Clear thinking becomes clear writing.

Wenn ich also mit einem Schriftstück oder einer Präsentation nicht klar bin, dann denke ich nicht klar genug.

Der zweite Entwurf wird in die Präsentation aufgenommen. Dabei versuche ich meistens, die Informationen in eine der sieben Urgeschichten zu verkleiden. Wenn das nicht geht, dann erzähle ich meine persönliche Geschichte, warum ich diesen Vortrag halte.

Was ist aber, wenn du deinen Vortrag über ein höchst langweiliges Thema halten sollst?

Dann kannst du zwei Dinge versuchen:

Erstens kannst du das Thema ändern.

Ganz einfach. Frage deinen Professor oder Professorin, ob du doch etwas Anderes präsentieren könntest. Dabei ist es wichtig, dass du deine eigenen Vorschläge machst, die vielleicht gar nicht in der Themenliste stehen.

Ich musste zum Beispiel einen Vortrag über die Brown’sche Bewegung halten. An sich ist sie interessant. Aber wenn du sie tagtäglich in Form von Übungsaufgaben, Vorlesungsskripten oder Fachbüchern wie ein Mantra wiederholst, dann fällt dein Interesse exponentiell ab.

Also habe ich meiner Professorin vorgeschlagen, einen Vortrag über die Brown’sche Bewegung in der Finanzmathematik zu halten. Ich habe keine Ahnung davon. Trotzdem finde ich das Thema sehr spannend.

Zweitens, versuche eine interessante Mikrogeschichte im langweiligen Makrothema zu finden.

Beispiel: Die Fehlerrechnung. Sie ist witzlos. Niemand möchte sich mit ihr aus freiem Willen beschäftigen.

Gab es aber reale Geschichten, in denen Brücken oder Gebäude gestürzt sind, weil man sich verrechnet hat? Was genau wurde falsch berechnet? Wie sah die Fehlerrechnung dazu aus, falls es überhaupt eine gab?

Die Präsentation

Ich hasse Präsentationen und würde lieber sterben als präsentieren.

Aber das ist eine gute Übung in der Selbstüberwindung: Man kann sich doch nicht sein ganzes Leben lang vor etwas drücken, was gar nicht eintritt, um dann einfach zu sterben. Der Wimpernschlag zwischen Geburt und Tod wäre vergeudet in der Sorge.

Eine ganze Woche sollte dann für die Proben bleiben.

Hier ist mein Protokoll für die Proben:


0) Der zweite Entwurf ist fertig. Ich gehe eine Checkliste wie die obige durch und  korrigiere Fehler. (Achte insbesondere auf die Fehler 6 bis 15)

1) Die Power-Point-Präsentation ist fertig. Ich lese den zweiten Entwurf vor.

2) Ich trage frei vor. Dabei spreche ich mit einem Weinkorken im Mund.

3) Ich trage frei vor, dabei habe ich Kopfhörer aufgesetzt. Im Hintergrund spricht eine Person mit einer für mich sehr nervigen Stimme.

Der dritte Punkt braucht eine Erklärung. Ich finde es unglaublich störend, wenn im Publikum geredet wird, während ich vortrage.

Oft übt man unter bequemen Bedingungen und wird während der Präsentation böse überrascht: Das Publikum ist zu laut, das Licht ist zu hell, usw.

Während ich also Zuhause probe und gleichzeitig von der nervigen Stimme in meinen Kopfhörern gestört werde, lerne ich, mit den Störgeräuschen aus dem Publikum umzugehen.

4) Ich probe vor einem oder mehreren Menschen aus meiner Zielgruppe und bekomme Feedback von ihnen.

5) Nach meiner eigentlichen Präsentation notiere ich mir all das, was besser sein könnte.

(Nach meinem letzten Vortrag zum Beispiel schrieb ich auf, dass ich zu schablonenhaft geredet habe, weil ich zu viel auswendig gelernt hatte. Davor waren es falsche Quellenangaben. Und davor war das these, das ich vor Aufregung wie this ausgesprochen habe. Und so weiter.)

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Was habe ich also aus den vielen Büchern, TED-Talks und von Birgit Schürmann gelernt?

So wie fast alles Andere ist Präsentieren ein Handwerk, das man erlernen und üben kann. Aber noch wichtiger ist deine Absicht. Wenn du herausfindest, was du deinem Publikum mitteilen willst – mit Menschlichkeit und Warmherzigkeit –, dann hast du wirklich etwas vorzutragen.

 


Quellen, Links, etc.

**  Seeking Wisdom: From Darwin to Munger von Peter Bevelin*

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