Physikstudium: Keine Zeit mehr fürs Leben

Mein ursprünglicher Einleitungssatz sollte etwa so lauten: „In unserer Zeit werden wir mit Informationen bombardiert…“. Und dann wollte ich noch ein paar herausragende Beispiele finden, die außerordentlich bildhaft sind und mein Gefühl gut wiedergeben. Doch ich mache es kurz: Es ist zu viel.

sketch1508848460733 700x438

Zu viele Plakate, zu viel Glotze, zu viele Bildschirme.

In dieser „Zuvielität“ werden tiefe lebensphilosophische Einsichten auf die Größe einer Postkarte gekürzt und über den Geburtstagstisch gereicht.

Eine dieser Einsichten habe ich kopiert und hier eingefügt:

Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ – Seneca

Wenn du das Gefühl hast, dass dir die Zeit davon rennt, dann solltest du diesen Abschnitt lesen.

Es geht um die Optimierung deiner Zeit. Der Satz mag mechanistisch klingen – ich finde aber kein besseres Wort als Optimierung.

Denn die meisten Menschen, die behaupten, keine Zeit zu haben, haben in Wirklichkeit Probleme mit dem, womit sie ihre Zeit füllen.

Im Physikstudium hast du viele und schwierige Probleme zu lösen.
Im Folgenden erfährst du, wie du deine Zeit dafür optimal gestaltest.

 

Zeitverschwendung

Es geht darum, deinen Zeitplan schlank zu halten.

Im Physikstudium habe ich etwas ganz Tolles gelernt. Es hat mir viel Leiden und Stress erspart. Und es heißt: Umkehren.

Was passiert zum Beispiel, wenn ich anstatt intelligent zu sein, einfach nicht dumm zu sein versuche?

Oder, anstatt besonders attraktiv, einfach nicht hässlich aussehe?

Oder, ich frage nicht, wie ich meine Zeit besser nutzen könnte, sondern, wie ich sie nicht verschwende.

Bevor du also deine Zeit zu optimieren versuchst, solltest du dich fragen, womit du deine Zeit verschwendest. Zeitverschwendung ist all das, was deinem Ziel, also dem erfolgreichen Beenden des Studiums, nicht dienlich ist. Du verschwendest also deine Zeit immer dann, wenn du nicht das tust, was du tun solltest.

Und hier kommt das Wichtigste: Was du tun sollst, ist eine Frage deiner Prioritäten.

Neben dem Studium hast du natürlich deine Hobbys und vielleicht eine oder mehrere Nebenjobs. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass du Prioritäten setzen sollst. Denn nur, wenn du deine Prioritäten kristallklar definiert hast, weißt du, was deine Zeitfresser sind.

Die häufigsten Zeitfresser sind folgende:

 

Fernsehen

Jetzt wird es hart: Aber Fernsehen ist teuflisch.
Es ergibt einfach keinen Sinn, fern zu schauen. Denn das Fernsehen hat zwei Hauptfunktionen (Oder auch nicht – ich weiß es nicht. Ich tue einfach so, als hätte es zwei Hauptfunktionen), die dir nichts nützen.

Die erste ist Unterhaltung.

Ich würde jetzt so gern ein paar Beispiele der schlechten Unterhaltung im Fernsehen nennen, aber ich kann es nicht, denn ich schaue kein Fernsehen.

Deshalb gleich zur zweiten Funktion, dem Informieren.

Was? Du hast keinen Fernseher?
Ein anständiger und verantwortungsvoller Bürger sollte
doch über den aktuellen politischen Stand in seinem Land und in der Welt
Bescheid wissen. Das stimmt.

Aber es gibt effizientere Methoden dafür.
Der Bestsellerautor und Unternehmer Timothy Ferriss fragt zum Beispiel seine Freundinnen und Freunde – die ähnliche Wertvorstellungen haben wie er und sich mit der Politik besser auskennen als er – und bildet sich so seine Meinung.

Außerdem wird das Fernsehen von gleichen Menschen gemacht wie du und ich.
Das heißt, dass sie ebenso Vorurteile haben und sich irren können – auch, wenn sie es nicht beabsichtigen. Und mit den Vorurteilen
meine ich Vor-urteile, d.h. eine Meinung über etwas bilden, bevor man es vernünftig beurteilt hat. Das beginnt schon mit der Auswahl der Themen, die
ausgestrahlt werden sollen.

Kein Fernsehen schauen halte ich für eine Art intellektuelle Diät, die deinen
Verstand scharf hält, indem sie alles Schädliche verbietet.

Social Media

Man kann Social Media wie Facebook, Twitter und Whats-App be-
nutzen, um Arbeitsgruppen zu bilden. Oder Vereinsgruppen, die damit Termine synchronisieren und etwas diskutieren können.

Eine zweite Funktion wäre, Social Media als Informations- oder Motivationsplattformen zu nutzen, indem man zum Beispiel einflussreiche oder inspirierende Personen abonniert. Das war’s dann auch schon.

Zeitschriften

Es geht hier um das Physikstudium, nicht um das Studium der Politikwissenschaften. Du solltest deswegen deinen Zeitschriftenkonsum auf das Minimale reduzieren.

Es gibt selbstverständlich mehr Zeitfresser, die aber sehr individuell sind und
deshalb nur von dir selbst herausgefunden werden können.

Gruppenarbeit

sketch1508770822094 700x438

Gruppenarbeit kann das Beste am Physikstudium sein. Oder auch nicht. Denn manchmal funktioniert sie und manchmal nicht.

Es ist eine weit verbreitete Meinung und inzwischen fest werdende Norm, dass man mit Anderen zusammen arbeiten muss. Überall werden Teamwork und Teamspirit geschätzt. Aber nur, weil die Mehrheit das sagt, heißt es nicht, dass es richtig ist. Dies nennt man auch argumentum ad populum. Und ich benutze das auch in diesem Absatz, wenn ich schreibe „Es ist eine weit verbreitete Meinung…“. Die Aussage kann ich nicht beweisen – es ist allein meine Erfahrung, die aus mir spricht.

Du kannst jedoch die Gruppenarbeit für ein paar Wochen testen. Und ich zeichne dir dabei eine Richtlinie, an der du dich bei der Gruppenarbeit orientieren solltest.

Dabei gehe ich nicht auf die positiven Aspekte der Gruppenarbeit ein, sondern auf die negativen. Wenn einer der folgenden Punkte in deiner Lerngruppe auftaucht, dann musst du solltest du sie verlassen.

1) Wenn in der Gruppe zu viel geplappert und wenig über relevante Themen diskutiert wird.
2) Wenn du in der Gruppe das Gefühl bekommst, dass du dumm bist.
3) Wenn nur ein oder zwei Studenten alle Aufgaben lösen und der Rest von ihnen abschreibt.
4) Wenn Leute in der Gruppe konkurrieren, anstatt einander zu helfen.

Warum musst du aber die Gruppe verlassen, wenn du das Gefühl hast, dumm zu sein?
Das Gefühl in der Vorlesung oder im Seminar zu haben ist vollkommen in Ordnung. Aber in einer Lerngruppe solltest du dich auf einem ähnlichen Dummheitsniveau wie deine Kommilitonen bewegen. Darüber kann man dann zusammen lachen und dadurch den Studiendruck ein wenig erträglicher machen.

Darum solltest du Gruppenarbeit mit Vorsicht genießen. Natürlich ist es schön, physikalische Probleme gemeinsam zu diskutieren, Fragen zu stellen und Aufgaben zu lösen.

Das Problem ist nur, dass die meisten Meetings schlecht organisiert sind. Im Grunde genommen „trifft man sich einfach“, um gemeinsam zu arbeiten. Folglich wird zuerst diskutiert, wie man die Aufgaben angeht.

Die meisten Probleme werden von ein paar schlauen oder gut vorbereiteten Studenten gelöst und der Rest versucht mitzuhalten. Oft fällt dieser Rest durch die Klausur durch, weil diese restlichen Leute die Übungsaufgaben eigentlich nicht selbst gemacht haben. Sie fragen sich dann, wie das sein kann. Denn sie haben doch viel und hart gearbeitet. Aber sie haben das nicht. Sie saßen bloß da und haben abgeschrieben.

Deswegen sollten Gruppenarbeiten nur dann stattfinden, wenn du dich gut vorbereitet hast. Es sollte vorab geklärt sein, was gemacht werden muss. Im Idealfall sollte jeder Student die zu besprechenden Aufgaben bereits gelöst haben, damit sie verglichen und entsprechende physikalische Konzepte besprochen werden können.

Außerdem solltest du während der Gruppenarbeit irrelevante Abschweifungen
vermeiden. Das ist hart, ich weiß, denn hier hast du gegen den sozialen Druck zu
kämpfen. Wenn jemand zu plappern anfängt und du kein Kantianer bist, dann könntest du die Ausreißer-Rolle dadurch vermeiden, dass du etwa Folgendes sagst:

„Ich unterbreche dich nur ungern, aber ich habe danach noch eine Verabredung
und würde diese Aufgaben gern besprochen haben. Können wir deshalb zurück
zum Thema?“

Damit deine Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht mal in Versuchung kommen, ein Schwätzchen zu halten, solle die Dauer der Gruppenarbeit vorab festgelegt werden.

Dann wissen sie, dass die Zeit begrenzt ist und, dass sie sich entsprechend konzentrieren sollten.

 

Selbststudium

Der größte Teil deiner Arbeit besteht aus dem Selbststudium. Neben den gewöhnlichen Verpflichtungen wie Übungsaufgaben, Versuchsprotokolle und Präsentationen hast du natürlich auch andere Dinge zu erledigen.

Solche können Telefonate mit deinen Eltern, Treffen mit Freunden, ein Nebenjob, Einkäufe oder Papierkram sein. Die Liste könnte unendlich weitergeführt werden.

Um effektiv zu studieren, solltest du deine Aufgaben erst stapeln und dann erledigen.

Zerstreust du zum Beispiel deine Lebensmitteleinkäufe über die Woche und kaufst tagtäglich etwas ein, dann verlierst du enorm viel Zeit. Wenn wir die Situation optimistisch einschätzen, dann sagen wir, dass du fünf Minuten bis zu deinem Lebensmittelladen brauchst. Das macht zehn Minuten für den Hin- und Rückweg. Insgesamt ergibt es 60 Minuten pro Woche, falls wir den Sonntag vernachlässigen. Im Vergleich könntest du nur einmal pro Woche einkaufen gehen und mindestens 50 Minuten sparen. Und das Ganze ist eine sehr optimistische Einschätzung.

Genauso stapelst du deine restlichen Aufgaben – egal ob es die Übungsaufgaben
oder Telefonate mit deinen Eltern sind. Der Zeitgewinn wächst enorm.

Die Zeitblöcke, in denen du deine Aufgabenstapel erledigst, sollte auch priorisiert über den Tag verteilt werden. Wenn du dich zum Beispiel morgens besser konzentrieren kannst als am Rest des Tages, dann solltest du dir in dieser Zeit einen freien Zeitblock nehmen, um schwierige oder wichtige Übungsaufgaben zu erledigen.

Dabei muss der Zeitaufwand immer pessimistisch eingeschätzt werden. Denkst du beispielsweise, dass du für eine bestimmte Übungsserie zwei Stunden brauchen wirst, dann rechne mindestens mit vier Stunden.

Multipliziere einfach den erwarteten Zeitaufwand mal zwei, um eine realistischere Zeitdauer zu bekommen. Diese Faustregel hat sich für mich als sehr nützlich erwiesen. Denn sie erspart mir den unnötigen Stress, den ich mir selbst mache, wenn ich zu viele Aufgaben für einen Tag einplane.

 

Viele Studentinnen und Studenten, mich eingeschlossen, tendieren dazu, zu viele Punkte auf ihrer Checkliste an einem Tag zu erledigen zu wollen. Am Ende des Tages sind sie gestresst und haben das Gefühl, nur wenig oder nichts geschafft zu haben. Das ist eine natürliche Folge, wenn man zu viel will.

Aber weniger ist mehr.

Wenn du zum Beispiel vier Punkte auf der To-Do-Liste hast und für jeden Punkt circa eine Stunde eingeplant hast, dann summiert es sich nach meiner Faustregel zu acht Stunden. Es ist also unmöglich, all die Punkte zu erledigen, falls du noch anderweitige Verpflichtungen an diesem Tag hast.

Wähle folglich die zwei wichtigsten und am dringendsten scheinenden
Aufgaben und konzentriere dich auf sie.

 

Fassen wir diesen Artikel zusammen.

• Setze Prioritäten und definiere klare Ziele.
• Entferne die Zeitfresser wie das Fernsehen und Social Media.
• Vermeide unproduktive Arbeitsgruppen. Oder bilde selbst Gruppen, in denen
Zeitgrenzen gesetzt sind und alle TeilnehmerInnen gut vorbereitet sind.
• Stapele deine Aufgaben, um sie in einem Zeitblock zu erledigen.
• Sei pessimistisch, was deinen Zeitplan angeht. Benutze die mal-2-Faustregel.
• Konzentriere dich auf wenige wichtige Aufgaben.

 

Ich glaube, dass wir heutzutage zu viel und zu schnell erledigen wollen. Wir denken kurzfristig. Dies lässt seine Spuren auch auf unserem Verhalten im Studium:
Wir wollen möglichst viele Aufgaben schnellstmöglich lösen.
Das Schöne am Physikstudium ist jedoch, dass man das weltliche Hintergrundrauschen stumm schaltet, wenn man sich voll in eine Aufgabe vertieft.

Blogverzeichnis - Bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste