Physikstudium: Prüfungsvorbereitung. Teil 1

Am Studienanfang hatte ich keine Ahnung, wie man sich auf eine Physikklausur vorbereitet. In meiner allerersten Klausur war ich so nervös, dass ich die Aufgabenstellung mindestens zehn Mal lesen musste, um sie zu verstehen – mein Kopf war zu.

Im Laufe des Studiums habe ich mir nach jeder Prüfung die Zeit genommen, um meine Fehler zu analysieren und allgemein zu reflektieren, was ich daraus gelernt haben sollte.

Dieser Blogartikel schildert dir meine Erfahrung. Es ist gut, wenn man aus seinen eigenen Fehlern lernt. Aber für dich ist es besser, wenn du aus meinen Fehlern lernst und eine schlechte Note vermeidest. Denn auch wenn man aus purem Interesse studiert, freut man sich umso mehr, wenn man eine gute Note bekommt.

Deshalb ist das der wichtigste Blogartikel in diesem Blog, falls du eine sehr gute Note bekommen willst. Lies ihn drei oder vier Wochen vor jeder Klausur, setze den Inhalt praktisch um und du wirst sie erfolgreich bestehen.

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Frisch aus der Schule heraus, haben die meisten StudentInnen nie gelernt, sich auf eine Klausur vorzubereiten. Und das ist nicht ihre Schuld. Denn an den Universitäten werden verschiedenste Dinge gelehrt, aber selten die Richtigen. Wie bereitet man sich also auf Klausuren richtig vor?

Premortem-Analyse

Stell dir die folgende Situation vor:

Ein Paar Wochen nachdem du deine Klausur geschrieben hast, bekommst du von
deinem Professor eine E-Mail mit der folgenden Aufgabe:

„Wir haben Ihre Klausur korrigiert. Das Ergebnis ist ein Desaster. Schreiben Sie in fünf bis zehn Minuten auf, wie es dazu gekommen ist.“

Daniel Kahnemann, ein israelisch-US-amerikanischer Psychologe, Wirtschafts-Nobelpreis-Träger und Autor des Bestsellers Schnelles Denken, langsames Denken* nennt das ein Premortem und schlägt vor, diese Analyse vor allen wichtigen Entscheidungen durchzuführen. Ursprünglich stammt die Idee von einem Kollegen, dem Psychologen Gary Klein, und sie kann unglaublich nützlich für deine Klausurvorbereitung sein.

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Leute, die ihr kleines Latinum gemacht haben, wissen, dass pre-mortem vor und
post-mortem nach dem Tod bedeutet. Während einer premortem-Analyse stellst dudir also alles vor, was während der Klausurvorbereitung und in der Klausur schief gelaufen sein könnte:

Du hast dich auf die Themen vorbereitet, die in der Klausur gar nicht dran kamen. Du hast schlecht geschlafen.
Deine KommilitonInnen haben dich abgelenkt.
Du warst viel zu aufgeregt.

Die Aufzählung könnte unendlich weiter fortgesetzt werden. Schreibe alle möglichen Fehler auf, bevor es zu spät ist.

Ich habe viele StudentInnen befragt und eine Liste mit häufigen Fehlern während Klausurvorbereitungen für dich erstellt:

  • Ein Klassiker:  Zu spät mit der Vorbereitung angefangen.
  • Nur relativ leichte Aufgaben gerechnet. In der Klausur von schwierigen Aufgaben überrascht.
  • Aufgaben gleichen Typs gerechnet.
  • Klausur mit dem Formelzettel: Sich zu sehr auf den Formelzettel verlassen und deshalb wenig gelernt oder gerechnet.
  • Zu wenig während des Semesters gearbeitet, sodass man viel zu viel in der Klausurvorbereitung machen musste.
  • Zu viel Zeit mit der Zusammenfassung verbracht.
    Selten aber möglich: Während der Vorbereitung zu viel gemacht, sodass man
    den Überblick verloren hat.
  • Spekulieren: D.h. alles auf ein Thema setzen und alle anderen Themen ignorieren.
  • Sich nur auf das Lösen von Aufgaben konzentrieren und die Theorie auslassen.

Elimination

Elimination bedeutet, dass mehrere Unbekannte, die keine Rolle spielen, entfernt
werden. Das Ziel ist, nicht richtig zu lernen, sondern das Richtige  zu lernen. Man kann nämlich viele Dinge richtig lernen und darin Experte werden. Das nützt aber nichts, wenn das gar nicht gefragt wird.

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Ich lasse die philosophisch-linguistische Diskussion beiseite, ob etwas richtig tun nicht das Richtige tun impliziert.

Du kann dich zum Beispiel tagelang mit dem Gaußschen Eliminationsverfahren beschäftigen (Wer tut sowas?), am Ende wird es dir in der Klausur nicht viel bringen, weil es schlicht und ergreifend nicht gefragt wird. Du hast nicht das Richtige gelernt, obwohl du das Eliminationsverfahren richtig gelernt hast. Die Frage ist also: Was sollst du lernen?

Im Blogartikel Social Engineering im Physikstudium beschreibe ich die Technik, mit der man aus den Professoren richtige Informationen herausquetscht, und andere Fertigkeiten, um sich optimal auf die Klausur vorzubereiten.

In diesem Abschnitt geht es darum, die letzten Wochen kurz vor der Prüfung optimal zu nutzen. Es bedeutet, dass du mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel aus der Klausur herausholst.

Fast jede schriftliche Prüfung basiert auf den Übungsaufgaben. Professoren und
Übungsleiter erzählen gern, dass man gut vorbereitet ist, falls man alle Aufgaben selbst und mehrmals berechnet hat.

Das mag sein. Aber erstens habe ich nicht so viel Zeit. Und zweitens kommen nicht alle Aufgaben dran. Welche Aufgaben sind also wichtig?

Schritt 1

Der erste Schritt, den du tun solltest, ist, dir die Altklausuren zu beschaffen.

Selbstverständlich ist es besonders wichtig, dass du auch entsprechende Lösungen findest. Falls du zu bestimmten Aufgaben keine Lösungen findest, könntest du folgenden Trick anwenden: Ich schicke schwierige Aufgaben, die ich im benötigten Zeitrahmen nicht lösen kann (Beinahe jedes Problem ist lösbar, man muss nur die nötige Zeit zur Verfügung haben.), an die schlauen StudentInnen in meinem Kurs. Sie freuen sich, mir ihre Lösungen zurückzuschicken.

Man darf selbstverständlich nicht den Fehler machen, die Lösungen aus Faulheit oder anderen Gründen doch nicht anzuschauen, was mir einmal passiert ist. Das ist nicht gut.

Denn der Mensch ist träge und ändert kaum seine Gewohnheitsmuster. Dementsprechend ändern auch die Menschen, die deine Klausur gestalten, ihre Angewohnheiten nicht.

Die Klausur bei deinem Professor wird höchstwahrscheinlich seinen Altklausuren sehr ähnlich sein. Wenn du Glück hast, wird er sogar deine Klausur als Mix aus den Altklausuren machen. Nach den Altklausuren kannst du dich im Fachschaftsrat erkundigen oder Studenten aus den früheren Jahrgängen fragen, die ihre Prüfung bereits bei dem Professor geschrieben haben.

Im Falle, dass es unmöglich ist, Altklausuren zu beschaffen, gibt es „das Internet“. Im Blogartikel Erfolgreich Physik studieren: Nachlesen statt Nachschreiben! hast du die Kunst der Recherche gemeistert.

Nun kannst du sie hier einsetzen und nach Vorlesungen suchen, die ähnliche Inhalte wie deine Vorlesung haben. Und sie werden es, denn das Tollste an den Grundlagenvorlesungen in Physik ist, dass sie an jeder Universität die gleichen Themen beinhalten.

Auf den gefundenen Webseiten suchst du entweder nach Altklausuren oder verdächtigen Übungsaufgaben. Woher weißt du aber, wie verdächtige Aufgaben aussehen? Hier kommen wir zum zweiten Schritt.

Schritt 2

Der zweite Schritt besteht in der Eliminierung unwichtiger Aufgaben.

Man hat zum Beispiel in der Experimentalphysik ungefähr 12 Übungsaufgabenserien mit circa 4 bis 8 Aufgaben. Die Anzahl der Übungsaufgaben hängt natürlich vom Schwierigkeitsgrad ab. Insgesamt macht das mindestens 12 × 4 = 48 Aufgaben, die du beherrschen musst.

Das hört sich eigentlich nach gar nicht so viel an. Aber die Wahrheit ist, nur ein Viertel der Aufgaben ist für die Klausur wirklich relevant. Das bedeutet, dass du mit bloß 12 vorbereiteten Aufgaben deine Prüfung erfolgreich bestehen kannst.

Doch nach welchen Kriterien sortierst du den Rest aus?

Ganz einfach.

Zu einfache Aufgaben müssen weg. Sie sind zu trivial. Zu schwierige Aufgaben fliegen ebenso raus, denn sie sind (Wer hätte das gedacht?) zu schwierig. Den Rest analysierst du mithilfe von folgenden Fragen: Ist diese Aufgabe eine physikalische Standardaufgabe, die ein echter Physiker einmal in seinem Leben unbedingt berechnet haben soll? Ist die vorliegende Übungsaufgabe den Altklausuraufgaben ähnlich?

Schritt 3

Im dritten Schritt beseitigst du Verunsicherungen, die von den Missinformationen seitens deiner Dozenten verursacht wurden. Denn sie behaupten, dass, diejenigen Studenten, die alle Übungsaufgaben berechnet haben, die Klausur auch bestehen würden.

Das stimmt. Und durch solche Behauptungen fühlt man sich verpflichtet, doch alle Übungsaufgaben nochmal zu berechnen. Der beste Weg, deine Verunsicherungen verschwinden zu lassen, ist mit deinen KommilitonInnen oder StudentInnen aus den früheren Jahrgängen zu reden.

Oft haben sie nützliche Informationen wie etwa Lieblingsaufgaben oder bevorzugte Themen des Professors oder der Professorin. Nach diesen Schritten kommt nun die eigentliche Arbeit – die Automation.

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Automation

Automation ist der durch automatisiertes Lernen erreichte Zustand. In diesem Zustand knackst du Klausuraufgaben wie Nüsse.

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Bevor ich jedoch die Automatisierung, d.h. den Prozess des automatisierten Lernens beschreibe, muss etwas sehr Wichtiges gesagt werden, was einer allgemein verbreiteten Norm widerspricht:

Bereite dich nie in Arbeitsgruppen auf Klausuren vor!

Das kann tödlich sein. Es ist vollkommen in Ordnung und sogar essentiell, die Übungsaufgaben in Gruppen zu diskutieren, nachdem du sie selbst gelöst hast. Aber du allein schreibst die Klausur und dementsprechend musst du die Aufgaben alleine berechnen.

Das gesagt habend, kommen wir zum eigentlichen Thema – der Automatisierung.

Durch die oben beschriebene Elimination hast du einerseits Übungsaufgaben aus
deiner Vorlesung und andererseits Altklausuraufgaben oder relevante Aufgaben aus
anderen Ressourcen selektiert.

Mit diesem Material arbeitest du.

Schritt 1

Der erste Schritt in der Automation besteht einfach im Berechnen aller (wichtigen) Aufgaben. Da der eine Teil aus deinen Übungsaufgaben besteht, die du bereits bearbeitet haben musst, wirst du diesen Teil der Aufgaben schnell erledigen.

Die Bearbeitung des zweiten Teils wird ein wenig länger dauern. Bei der Berechnung von Aufgaben lasse ich viel Platz am Rand, damit ich die in der Aufgabe angewandten Formeln und Prinzipien schriftlich festhalte.

Warum ist das wichtig?

Damit reduziere und abstrahiere ich eine bestimmte Aufgabe auf eine Formel, ein Prinzip oder ein Gesetz. Und das nächste Mal, wenn ich eine ähnliche oder sogar dieselbe Aufgabe zu lösen habe, werde ich wissen, womit ich anfangen soll.

Nachdem auch du das angewendet haben wirst, wirst du überrascht sein, wie wenig Gesetze insgesamt am Ende benutzt werden. Die meisten angewandten Formeln sind bloß spezifisch auf das Problem geschnittene Formen dieser Gesetze.

Schritt 2

Beim zweiten Schritt wiederholst du den ersten Schritt, wobei du jetzt viele Aufgaben selbstständig und schnell lösen kannst. Solche Aufgaben sortierst du aus und berechnest sie nicht mehr. Die restlichen problematischen Aufgaben, die du nicht lösen kannst, berechnest du noch einmal.

Und wiederum, die Aufgaben, die du erfolgreich bewältigt hast, legst du beiseite. Und so weiter, bis du alle Aufgaben perfekt lösen kannst.

Schritt 3

Im dritten Schritt betrachtest du nur die Aufgabenstellungen und gehst die
Lösungen im Kopf durch. Dein innerer Monolog mag dabei so ablaufen:

OK. Diese Aufgabe ist vom Typ A. Also wende ich das Gesetz B an und vergesse dabei nicht, dieBedingung C zu berücksichtigen. Dann berechne ich das Ganze und es sollte etwas im Bereich D rauskommen.

Für den Typ A kannst du zum Beispiel Energieerhaltung, und für das Gesetz B das Energieerhaltungsgesetz einsetzen. Die Bedingung C könnte dann die Impulserhaltung sein. Dein Ergebnis sollte ein physikalisch vernünftiger Wert in richtigen Einheiten sein.

Schritt 4

Der letzte Schritt simuliert die Klausur.

Im Idealfall sollte er zwei Tage vor der Klausur stattfinden, weil du am letzten Tag vor der Prüfung keine Aufgaben berechnen, sondern dich entspannen und dein Material bloß durch ein hypnotisiertes Anstarren wiederholen solltest.

Simulation bedeutet, dass du eine der Altklausuren auf Zeit berechnest.

Benutze einen Timer und stell ihn auf die Zeitdauer deiner Prüfung ein.

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Setze dich dabei mildem Stress aus. Das heißt, dass du die Prüfung in einer Umgebung simulierst, in der du dich schlecht konzentrieren kannst. Gehe zum Beispiel in einen Park, ein Café oder sonst wohin, wo du entweder von dir selbst oder von der Umgebung abgelenkt wirst.

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Hier ist eine Checkliste, damit du dich an ihr orientieren kannst und nichts vergisst:

  • Ich beschaffe Altklausuren und relevante Aufgaben.
  • Ich sortiere unwichtige Aufgaben aus.
  • Ich berechne alle ausgesuchten Aufgaben. Die dazugehörigen Prinzipien
    und Gesetze schreibe ich auf.1. Ich berechne die Aufgaben noch ein Mal.
    2. Ich sortiere erfolgreich berechnete Aufgaben aus und bearbeite nur die problematischen Aufgaben.
    3. Ich wiederhole 2 bis es keine Aufgaben gibt, bei denen ich Schwierigkeiten
    habe.
  •  Ich wiederhole alle Aufgaben im Kopf und benenne dabei nötige Prinzipien
    und Gesetze. Den Rechenweg skizziere ich mental.
  •  Ich simuliere die Prüfung, indem ich eine Probeklausur unter stressigen Be-
    dingungen berechne.

Im nächsten Blogartikel wird es um die mündlichen und schriftlichen Prüfungen selbst gehen und darum, was du nach jeder Prüfung auf jeden Fall machen solltest.

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