Physikstudium: Prüfungsvorbereitung. Teil 2

Es gibt Schüler und Studenten, die eigentlich sehr intelligent und fleißig sind. Sie lösen jede Hausaufgabe oder Übungsaufgabe, leisten zusätzliche Arbeit. Wenn ihre Mitschüler oder Kommilitonen etwas nicht verstehen, dann erklären sie es ihnen. Aber aus irgendwelchen Gründen bekommen sie oft nur mittelmäßige Noten.

Denn sie sind während der Prüfungen zu aufgeregt und machen dumme Konzentrationsfehler. Ich weiß, wovon ich rede: Ich hatte Angst vor mündlichen Prüfungen und war während jeder Prüfung wie gelähmt.

Auf die mündliche Abiturprüfung in Geschichte habe ich sogar die schlechteste Note des Jahrgangs bekommen, obwohl ich in der Oberstufe immer gut bis sehr gut war.

Seitdem hatte ich viele mündliche Prüfungen im Studium und die schlechteste Note war 1.3, weil ich den Namen eines Philosophen, über dessen Werk ich diskutierte, nicht nennen konnte. (Driesch? Misch? Kisch?)

Im Folgenden erfährst du, wie du dich auf mündliche Prüfungen richtig vorbereitest und deine Aufregung während einer Prüfung überwindest.

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Mündliche Prüfung

Vorbereitung

Auf mündliche Prüfungen solltest du dich natürlich anders als auf Klausuren vorbereiten. Denn eine mündliche Prüfung dauert circa 15 bis 30 Minuten. Aus diesem Grund wirst du keine schwierigen Aufgaben oder Herleitungen vorrechnen müssen.

Gefragt werden Verstehensfragen und kurze Berechnungen.

Zerlege also dein Material natürlicherweise in zwei Teile: Übungsaufgaben und Vorlesung.

Übungsaufgaben

Was die Übungsaufgaben betrifft, so solltest du wissen, wie man schwierige Aufgaben gelöst bekommt. Leichte Aufgaben solltest du selbst lösen können.

Das bedeutet, dass es bei den Fragen über schwierige Probleme allein um die Ideen geht, wie man sie lösen könnte. Und nicht darum, dass du sie explizit vorrechnest.

Eine Frage zu einer der schwierigeren Aufgaben könnte zum Beispiel so lauten:

Wie würden Sie X herleiten? Wobei X für alles Relevante steht. Dann solltest du wissen, was für die Herleitung notwendig war: Physikalische Bedingungen, mit welchen Größen beginnt man und was benutzt man in der Herleitung.

Nehmen wir die Fermi-Dirac-Statistik als X.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Fermi-Dirac-Statistik herzuleiten. Meine Faustregel bei fast allem, was ich unternehme, lautet: Mach es so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.
Ich nehme also die einfachste Herleitung: Die Herleitung aus dem groß-kanonischen Ensemble. Die relevanten Ideen hier sind die Folgenden: Ich schreibe die Zustandssumme auf und beachte das Pauli-Prinzip dabei. Den gesuchten Erwartungswert der Teilchenanzahl berechne ich aus der Ableitung nach dem chemischen Potential und ein Paar Vortermen. Fertig.

Vorlesung

Für die mündliche Prüfung ist dein Vorlesungsmaterial enorm wichtig. Führe deshalb eine sehr gute Mitschrift oder frage deine Kommilitonen nach ihren Mitschriften, falls deine unvollständig ist. Wie du eine sehr gute Mitschrift schreibst, findest du im Artikel Mathematik lernen: 4+ fantastische Tipps für Erfolg und gegen Angst.

Denn in der mündlichen Prüfung wird danach gefragt, ob du Zusammenhänge und wichtige physikalische Gesetze und Konzepte verstehst.

Jeder hat seine eigene Methode, die Vorlesung zusammenzufassen und Zusammenhänge zu begreifen. Im Laufe des Studiums habe ich verschiedene Methoden ausprobiert, an mein Lernverhalten angepasst und verbessert. Hier ist meine Prozedur:

1) Ich nehme mein Rohmaterial. Es beinhaltet die folgenden Dinge:

  1.  Eine sehr gute Mitschrift oder ein sehr gutes Vorlesungsskript.
  2.  Während des Semesters aufgeschriebene Fragen. (Frage deine Kommilitonen, wenn du keine Fragen notiert hast.)
  3.  Die aufgeschriebenen Lösungsideen und einfache Lösungen aus den Übungsaufgaben.
  4. Das „Persönlichkeitsprofil“: Was ist meinem Professor oder meiner Professorin wichtig? In welchem Bereich ist er oder sie spezialisiert? Ist er oder sie eher introvertiert oder extroavertiert? Entsprechend dieser Informationen passe ich dann mein Lernverhalten an. Mehr dazu findest du im Artikel Social Engineering im Physikstudium.

2) Dieses Rohmaterial muss ich vollständig begreifen. Erst dann reduziere ich es auf die wichtigsten Ideen, Formeln, Sätze, etc.

3) Ich erstelle eine „Landkarte“, die das reduzierte Material zusammenfasst. Sie unterscheidet sich von einer Zusammenfassung, weil ich das Zusammengefasste wirklich überschaue.

Ich sitze mental in einem Hubschrauber und sehe das Gelernte von oben. Wenn ich während der Prüfung nach einem bestimmten Zusammenhang gefragt werde, dann weiß ich ganz genau, wo auf der Landkarte ich mit meinem Hubschrauber landen muss. Dorthin fliege ich, um den Zusammenhang deutlich vor mir zu sehen.

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4) Ich nehme meine Fragen aus 1b) und simuliere ein paar Testflüge.

5) Wenn ich die Möglichkeit habe, meinen Prüfungstermin selbst zu bestimmen, dann wähle ich die Zeit zwischen 10 und 12 Uhr. Warum? Weil die Prüfer in dieser Zeit höchstwahrscheinlich noch nicht müde sind und gegessen haben. Denn das hat einen großen Einfluss auf ihre Urteilskraft.

Wer mir nicht glaubt, der kann das im Kapitel 3 in Schnelles Denken, Langsames Denken* von Daniel Kahneman nachlesen. Im Kapitel geht es um eine Studie, in der Urteile mehrerer Richter in Abhängigkeit von der Tageszeit untersucht wurden. Die Ergebnisse sind höchst interessant.

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Nun bist du optimal auf deine Prüfung vorbereitet. Aber du bist immer noch aufgeregt. Wie kannst du deine Aufregung in Schach halten?

Aufregung überwinden

Zuallererst eine wichtige Randnotiz: Die Aufregung an sich tut dir gut. Dein Körper signalisiert dir damit, dass er sich auf ein wichtiges Ereignis vorbereitet. Er wärmt sich auf.

Allein deine Interpretation entscheidet, ob die Nervosität deine Konzentration bündelt oder sie wie ein Prisma in mehrere Richtungen bricht. In diesem Sinne überwindest du deine Aufregung nicht, sondern du nutzt sie.

Hier muss zuerst zwischen mündlichen und schriftlichen Prüfungen unterschieden werden.

Bei mündlichen Prüfungen und ebenso Vorträgen kannst du die folgenden Methoden anwenden.

Als allererstes solltest du nie die Macht des negativen Denkens unterschätzen. Das bedeutet, dass du dich im Stoizismus übst, indem du dir das Worst-Case-Szenario vorstellst. Stell dir deine Prüfung vor. Dein Professor ist nicht bei Laune und hat gar keine Lust, dich zu prüfen. Er stellt dir miese Fragen und schaut gelangweilt auf die Decke, als du deine Antworten gibst. Plötzlich springt er auf und schreit dich an. Er sagt, dass du unglaublich dumm bist, und, dass er dich exmatrikulieren wird. Die aufschreibende Doktorandin ignoriert dich total.

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Jetzt stell dir vor, wie du reagierst.

Wie und was antwortest du auf seine gemeinen Fragen und Anmerkungen? Reagierst du defensiv oder gehst du ins Offensive? Wie kannst du ihn wissen lassen, dass du dich mit dem Thema auskennst und ein fleißiger Student bist? Atmest du tief durch und behältst die Kontrolle? Was machst du?

Dabei ist es wichtig, dass du dir diese schlimme Situation so real wie möglich vorstellst. Denn damit bereitest du dich mental auf etwas vor, was wahrscheinlich nie eintreten wird, weil die meisten Professoren eher aufgeschlossen, nett und hilfsbereit sind. Und falls das Worst-Case-Szenario doch eintritt, dann bist du darauf bestens vorbereitet.

Ein anderer kleiner Trick, der jedoch Wunder bewirken kann, ist etwas, was ich
die Ego-Auflösung nenne. Die meiste Nervosität und das Lampenfieber bei Vorträgen resultieren eigentlich aus einer übertriebenen Konzentration auf sich selbst – Was werden sie von mir denken? Spreche ich das richtig aus? Sehe ich selbstbewusst aus? – Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Das Ego ist der Übeltäter.

Der Trick dabei ist, das Ego nicht bekämpfen zu wollen, sondern es auf die Prüfer oder das Publikum zu richten, indem man diese übertriebene Konzentration auf die Prüfer umleitet.

Konkret bedeutet das, dass du vor und während einer mündlichen Prüfung oder eines Vortrags dir die folgenden Fragen stellst:

Wie kann ich meinem Prüfer oder meinem Publikum von Nutzen sein? Wie kann ich meine Antworten kurz und prägnant formulieren, sodass keine Missverständnisse entstehen? Was wird mein Publikum langweilen und wie kann ich es spannend machen?

Man kann sich viele Fragen ausdenken, aber letztendlich musst du die folgende harte Wahrheit immer im Kopf behalten: Es geht gar nicht um dich – deinen Prüfern bist du so ziemlich egal.

Schriftliche Prüfung

Bei den schriftlichen Prüfungen kannst du dein Ego nicht direkt auf die PrüferInnen oder das Publikum verlagern. Aber ähnlich wie bei den mündlichen Prüfungen kannst du die übertriebene Konzentration auf dich selbst umleiten, indem du deinen Fokus auf etwas Anderes richtest.

In der Klausur ist eine übertriebene Projektion auf die Zukunft der Übeltäter – Was ist, wenn ich die Klausur verhaue? Dann werde ich sie nachschreiben müssen. Aber ich habe doch mein Praktikum in dieser Zeit. Da habe ich doch gar keine Zeit zum Lernen. Ich werde die Nachklausur verhauen. Dann werde ich sie in einem Jahr nachschreiben müssen. Andere werden schon viel weiter sein als ich. – Und so weiter.

Was du hier unternehmen solltest, ist, die Projektion auf die Zukunft durch eine Projektion auf das Jetzt zu ersetzen.

In der Tat ist es eine weit verbreitete Methode bei den Leistungssportlern aller Disziplinen. Boxer und Sprinter zum Beispiel hören sich kurz vor ihrer Performance ihre Lieblingssongs an, weil sie sich dadurch am besten auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren können. Sie sind vollkommen präsent.

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Finde auch du deine Routine, die dich auf das Hier und Jetzt bringt. Das kann ebenso ein Song, oder etwas vollkommen Anderes sein wie beispielsweise das Jonglieren mit drei Bällen. Meine Lieblingsroutine ist das Penspinning, bei der ich einen Stift mehrere Male um meinen Daumen rotiere.

Nachdem du dich auf deine Klausur mental vorbereitet hast, geht es zur eigentlichen Prozedur des Aufgabenlösens.

Während der Klausur

Wie fängst du an? Sollst du zuerst mit den schwierigeren oder den leichteren Aufgaben anfangen?

Viele RatgeberInnen wie zum Beispiel Barbara Oakley*  empfehlen, mit schwierigen Aufgaben anzufangen. Wenn du mit einer schwierigen Aufgabe nicht weiter kommst, dann gehst du zu leichteren Aufgaben über.

Das ist aus folgenden Gründen gefährlich.

Erstens besteht die Gefahr, dass du dich zu lange mit einer schwierigen Aufgabe beschäftigst. Und egal, ob du sie erfolgreich gelöst hast oder nicht, du hast zu viel Zeit darauf verschwendet, sodass nur wenig Zeit für den Rest bleibt.

Zweitens, wenn du eine schwierige Aufgabe nicht gelöst bekommst, kannst du in Panik geraten. Du wirst versuchen, den Rest der Aufgaben schnell zu lösen und du wirst unausweichlich Aufmerksamkeitsfehler machen, weil du dich beeilst.

Letztens ist es einfach intuitiv, mit einfacheren Aufgaben anzufangen.

Was meine ich damit?

Sowie Sportler ihre Trainingseinheiten mit dem Aufwärmen anfangen, solltest du mit leichteren Aufgaben beginnen, damit du dein Gehirn warm denkst. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass du solche Aufgaben lösen kannst, weil sie einfach einfacher sind.

Du erfährst also ein Erfolgserlebnis und bist selbstsicherer. Nun arbeitest du einfache Aufgaben ab. Was ist aber in dem Fall, wo du einfach absolut ratlos bist, wie du die restlichen schwierigen Aufgaben angehst?

Dann schummelt man. Metaphorisch gemeint.

Fragen kostet nichts. Denk dir eine schlaue Frage aus und melde dich. Dabei geht es gar nicht darum, dass du tatsächlich eine Frage stellen möchtest.

Es geht allein um den Prozess des Fragens. Die Logik dabei ist die Folgende.
Die Wahrscheinlichkeit, dass du ohne Fragen die Aufgabe gelöst bekommst, ist geringer als wenn du einfach fragst.

Denn die in der Prüfung aufpassenden Menschen sind meistens nett und hilfsbereit und könnten dir einen guten Tipp geben. Wenn du also nichts zu verlieren hast, ist es nur rational, Hilfe aufzusuchen.

Langfristige Verbesserung statt kurzfristige Verschönerung

„Ich bin froh, dass ich die Klausur hinter mir habe. Jetzt werde ich mich entspannen und nichts mehr für die Uni machen.“ – Diesen Gedanken haben viele StudentInnen nach einer schwierigen Prüfung. Sie wollen nichts mehr von der Prüfung hören, geschweige denn selbst davon reden.

Im Folgenden erkläre ich dir, warum du das auf keinen Fall machen solltest.

Unmittelbar nach der schriftlichen Klausur oder mündlichen Prüfung ist es die
beste Zeit, um von sich selbst Abstand zu nehmen, seine Leistung zu analysieren
und sich selbst Feedback zu geben.

Denn es geht jetzt um deine zukünftigen Prüfungen.

Hier ist eine Liste von Fragen, die dabei sehr hilfreich sein könnten:

• Was für Aufgaben habe ich erwartet und was kam dran?
• Was hat mich überrascht? Was habe ich nicht erwartet?
• Was fand ich besonders schwierig?
• Welche Fehler glaube ich gemacht zu machen?
• Was fehlt mir? Woran sollte ich noch mehr arbeiten?
• Was habe ich aus dieser Prüfung gelernt?

Lernen endet nicht nach einer Prüfung. Sie ist nur ein Zwischenpunkt, an dem man
reflektieren sollte, ob man tatsächlich etwas gelernt hat.

Vor allem die Prüfungen, die man so richtig vergeigt hat, sind die besten Lehrer. Das bedeutet natürlich nicht, dass du durch deine Klausur absichtlich fallen solltest.

Eine Prüfung zu verhauen, bedeutet auch nicht das Ende der Welt, sondern es ist der Anfang einer Zeit, in der man seine Lernstrategien und täglichen Routinen kritisch betrachten sollte.

Das ist nicht nur auf Prüfungen anwendbar.

Jedes Mal, wenn du in einer schwierigen Situation bist und glaubst, in eine Sackgasse geraten zu sein, frage dich, was du daraus lernen kannst. Vor allem aber dann, wenn du kein Wort mehr vom Lernen hören willst.

 

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